Pressearchiv 2006
Hamburg, den 20.10.2006
Alsterdorfer Sozial-Kongress ‚Community Living’ geht zu Ende
Perspektivwechsel gefordert – Neue Impulse für die Gesellschaft
Eine Neuorientierung sozialer Leistungen, die Abkehr von entmündigender Unterstützung durch Staat und Institutionen und ein grundlegender Perspektivwechsel hin zu neu orientiertem bürgerschaftlichem Engagement. Das sind wesentliche Ergebnisse, die im Rahmen des Alsterdorfer Fachkongresses ‚Community Living’ erarbeitet wurden. Damit erbrachte der Hamburger Sozialkongress, zu dem die Evangelischen Stiftung Alsterdorf und die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie gemeinsam eingeladen hatten, auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte über eine neue Unterschicht entscheidende Impulse für eine Neuorientierung der Sozialpolitik.
Der Kongress ‚Community Living’ ging am Freitag in Hamburg mit mehr als 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ganzen Bundesrepublik zu Ende. Erstmals hatte mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf ein großer Träger der Behindertenhilfe gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie einen solchen Fachkongress ausgerichtet, um Wege zu selbstbestimmtem Leben von Menschen mit Unterstützungsbedarf in gesellschaftlichen Bezügen zu suchen und gelungene Projekte aufzuzeigen. Voraussetzung für ein Gelingen von ‚Community Living’ – dem Leben in der Gemeinschaft – ist die Abkehr von traditionellen Heim- und Anstaltsstrukturen.
Wegweisende Signale gingen von dem Hamburger Kongress auch für soziale Arbeitsfelder außerhalb der Sozialpsychiatrie und Behindertenhilfe aus. So zog sich die Forderung nach einer Neuorientierung der Sozialpolitik durch zahlreiche Veranstaltungen. Anstelle von materiellen Transferleistungen, die die deutsche Sozialhilfe jahrzehntelang geprägt hat, müsse eine Unterstützung zu gesellschaftlicher Teilhabe treten, so eine der Forderungen. Der Berliner Historiker Paul Nolte postulierte in seinem Vortrag „Das Ende der fürsorglichen Vernachlässigung“. Er forderte eine neue „Teilhabe-Gerechtigkeit“ in der Gesellschaft ein, die in den staatlichen Unterstützungsleistungen beispielsweise einen Schwerpunkt auf Bildung und innergesellschaftliche Netzwerke anstelle von Ausgleichszahlungen ein einzelne setze. An die Stelle einer konsumptiven Sozialpolitik, so Nolte, müsse in Zukunft verstärkt eine investive Sozialpolitik treten.
Der Psychiater und Sozialkritiker Klaus Dörner beschrieb die Notwendigkeit, sich künftig mit professioneller Sozialarbeit verstärkt um die Fortentwicklung des Gemeinwesens zu kümmern. Menschen ohne Behinderung oder andere offensichtliche Beeinträchtigung, so Dörners These, brauchten in Zukunft eher die Leistungen sozialer ‚Profis’ als, wie bisher, Vertreter von Randgruppen wie Behinderte oder Psychisch Kranke. „Die Umzingelung von Menschen mit Unterstützungsbedarf durch professionelle Helfer muss aufgebrochen werden“, so der streitbare Kritiker sozialer Systeme. An dieser Stelle sei ein „kalkulierter Rückzug der sozialen Profis“ angebracht, um andererseits neue Zusammenhänge im Gemeinwesen zu stärken. „Kommunale Dienste sind für alle da, für Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf“. Der Erfolg, so Dörner, liege auf der Hand: Eine größere Akzeptanz und ein besser gelingendes Zusammenwirken aller Kräfte in der Gesellschaft.
Als einen weiteren Aspekt in diesem Zusammenhang machte die Tagung die Notwendigkeit neuer Formen bürgerschaftlichen Engagements deutlich. Klassische Ehrenamtlichkeit, die in vielen sozialen Einrichtungen Tradition hat, reicht künftig nicht mehr aus, wenn größere Einbindung und Teilhabe von schwächeren Gliedern der Gesellschaft wie Alten, Chronisch Kranken, Behinderten, aber auch Migranten oder Obdachlosen erreicht werden soll.
Vorgestellt wurden beispielsweise Modelle von Bürgerhelfern, die gegen Aufwandsentschädigung wichtige Aufgaben zur Einbindung von Menschen ins Gemeinschaftsgefüge übernehmen. So gelang in Unterfranken die Auflösung eines psychiatrischen Heimes; die ehemaligen Bewohner etablierten sich mithilfe nicht professioneller Bürgerhelfer in Dörfern und Kleinstädten. Dafür wurde ein Teil des staatlich zugestandenen Budgets für Fachkräfte zugunsten der Aufwandsentschädigungen umgewidmet.
Einigkeit herrschte auf dem Alsterdorfer Kongress, dass eine Sozialpolitik der Ausgrenzung und Ghettoisierung aus sozialen wie auch aus ökonomischen Gründen der Vergangenheit angehöre. Die Chance der Zukunft, so der Historiker Paul Nolte, liege in einer Stärkung der Community – des Gemeinwesens. Einhergehen müsse eine künftige Sozialpolitik mit der Unterstützung horizontaler Vernetzungen und Bindungen in der Gesellschaft.
In seinem Schlusswort kündigte der Vorstand der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, Wolfgang Kraft, eine Fortsetzung der öffentlichen Diskussion an. Für eines der kommenden Jahre stellte er einen Folgekongress der jetzt zu Ende gegangenen dreitägigen Veranstaltung in Aussicht. Im Mittelpunkt dann: „Community Building“ – die Ausgestaltung von Stadtquartieren und Gemeinwesen.
Kontakt
Evangelische Stiftung Alsterdorf
Bereichsleitung Kommunikation
Wolfram Scharenberg
Telefon 0 40.50 77 35 22
Fax 0 40.50 77 35 82
w.scharenberg@alsterdorf.de
www.alsterdorf.de