Pressearchiv 2006
Hamburg, den 18.10.2006
Berliner Historiker auf dem Kongress ‚Community Living’:
Paul Nolte fordert neue Sozialpolitik
Eine neue Sozialpolitik in Deutschland hat der Berliner Historiker Paul Nolte gefordert. In einem eindrucksvollen Vortrag auf dem Hamburger Fachkongress ‚Community Living’ postulierte Nolte die Abkehr von jahrzehntelang praktizierten Prinzipien des deutschen Sozialstaates. Vor den rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Fachkongresses sprach er über: „Das Ende der fürsorglichen Vernachlässigung“.
Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin, skizzierte die geschichtliche Entwicklung von Armut in Deutschland. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten über eine neue Unterschicht beschrieb Nolte die konsumptive Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte als unzureichend. Soziale Ausgleichszahlungen an einzelne Gruppen der Gesellschaft mit dem Ziel, ihnen lediglich eine ausreichende Fähigkeit zur Beteiligung am Konsum zu ermöglichen, seien nicht ausreichend und hätten letztlich ihr Ziel nicht erreicht.
Nötig sei in Zukunft vielmehr eine investive Sozialpolitik, die nicht allein materielle sondern vielmehr kulturelle Aspekte verfolge. Soziokulturelle Zielrichtungen, so der Historiker, seien in der klassischen Sozialhilfe der Vergangenheit stets vernachlässigt worden. Nolte forderte, auch in Anbetracht sinkender finanzieller Möglichkeiten der öffentlichen Hand, ein grundlegendes Umdenken in der Sozialpolitik.
Einhergehen müsse die neue Form der Sozialpolitik mit der Unterstützung horizontaler Vernetzungen und Bindungen in der Gesellschaft. Neue Formen bürgerschaftlichen Engagements etwa, so Paul Nolte, müssten künftig zunehmend entwickelt und politisch unterstützt werden. Eine Absage erteilte der Berliner Historiker dagegen rein vertikalen Kontrollmechanismen des Staates.
Die Chance der Zukunft, so Paul Nolte, liege in einer Stärkung der Community. Ausgrenzung und Ghettoisierung dagegen, etwa mithilfe von speziellen Einrichtungen für einzelne Bevölkerungsgruppen, seien auf Dauer für die Fortentwicklung des Sozialstaats hinderlich. Nolte postulierte stattdessen eine neue „Teilhabe-Gerechtigkeit“ in der Gesellschaft.
Der Kongress Community Living, der vom 18. – 20. Oktober stattfindet, beleuchtet neue Formen sozialer Arbeit, die auf die Inklusion von Menschen aus Randgruppen in die Gesell-schaft zielt. Veranstalter sind die Evangelische Stiftung Alster-dorf und die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie.
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