Geschichte - Die Anstalt 1946 - 1979
Wiederaufbau
Die Jahre nach dem 2. Weltkrieg sind geprägt vom Wiederaufbau der schwer zerstörten Häuser auf dem Stiftungsgelände. Viele der Gebäude sind lediglich mit Notdächern versehen. Unter der Leitung des neuen Direktors Oberkirchenrat Volkmar Herntrich beginnt eine rege Bautätigkeit: Die Kirchliche Hochschule bekommt ihren Sitz in Alsterdorf. Neubauten für Mitarbeiter und Schwesternschaft sowie die neue Kinderpflegerinnen-Schule entstehen. Das Evangelische Krankenhaus Alsterdorf – im Vorfeld des Krieges ausgebaut und für die umliegende Bevölkerung geöffnet – kann seinen Betrieb fortsetzen. Wirtschaftsgebäude werden instandgesetzt. Die Sonderschule nimmt in provisorischen Baracken ihre Arbeit wieder auf.
Aufbau und Neuanfang
Ende der 50er Jahre – Direktor ist jetzt Pastor Julius Jensen – plant die Stiftungsleitung in enger Kooperation mit der Stadt Hamburg den Bau der Teilanstalt Stegen (das heutige Heinrich-Sengelmann- Krankenhaus), eine 1000-Betten-Klinik für psychisch kranke Langzeitpatienten vor den Toren Hamburgs. Die ersten beiden Bauabschnitte mit einem Drittel der ursprünglich geplanten Betten werden in den 60er Jahren realisiert, dann überholen neuere Erkenntnisse die alten Pläne. Anfang der 60er Jahre rücken therapeutische Ansätze wieder in den Vordergrund. Die Systematik, mit der Sengelmann zu seiner Zeit behinderte Menschen gefördert und beschäftigt hatte, ist weitgehend verlorengegangen. Beschäftigungstherapie und Arbeitstherapie (heute "alsterarbeit") werden aufgebaut. Die meisten der 1200 Bewohner leben jedoch in engen, wenig behindertengerechten Räumlichkeiten. Eine Situation, die gezielte Förderung fast unmöglich macht. Ein Generalbebauungsplan für das Stiftungsgelände soll Abhilfe schaffen. Dem Zeitgeist entsprechend ersetzen drei Hochhäuser die alten Wohngebäude – z.T. mit zwanzigjähriger Verzögerung. Sie lösen zwar die alten Schlafsäle ab, stellen heute jedoch eine erhebliche Altlast dar.
Früherkennung und Pädagogik
Seit 1968 ist Pastor Hans-Georg Schmidt Direktor der Alsterdorfer Anstalten. In seine Amtszeit fallen – neben dem Bau der drei Hochhäuser – weitreichende Entscheidungen: Mit erheblicher finanzieller Unterstützung von Versandhausgründer Werner Otto entsteht auf dem Alsterdorfer Gelände 1974 ein Zentrum zur Früherkennung und Behandlung von Behinderungen.
Das Werner Otto Institut verfügt über eine interdisziplinär arbeitende diagnostische und therapeutische Ambulanz, eine kleine Klinik und den ersten Integrationskindergarten in der Hansestadt. Das Sozialpädiatrische Zentrum ist das erste ambulante Angebot der Stiftung für Familien mit behinderten Kindern.
"Schlafsaalatmosphäre“
Die Behindertenhilfe der Stiftung ist zu dieser Zeit – baulich und personell – wie ein Großkrankenhaus organisiert. Medizinische und pflegerische Aspekte dominieren, persönliches Eigentum und Privatsphäre der Bewohner sind ein Privileg, in dessen Genuss nur wenige kommen. Zwar schwappt Anfang der 70er Jahre der Normalisierungsgedanke aus Skandinavien auch nach Deutschland herüber.
Er setzt sich in den großen Anstalten aber nur zögerlich durch. Immerhin: 1975 entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft des Stiftungsgeländes die erste Außenwohngruppe. Im gleichen Jahr nimmt die Heilerzieher- Schule ihre Ausbildung auf. Ganzheitliche und pädagogische Sichtweisen kommen mit den Absolventen in die Alltagsarbeit, lassen sich aufgrund des vorhandenen Umfeldes jedoch kaum umsetzen. Forderungen aus der Mitarbeiterschaft nach grundlegenden inhaltlichen Veränderungen – der Umsetzung des Normalisierungsgedankens – werden immer lauter. Ein sog. "Kollegenkreis" formiert sich.
Die Forderungen der Alsterdorfer Mitarbeiter Ende der 70er Jahre lesen sich heute wie Selbstverständlichkeiten: Gründung von Wohngruppen in den Stadtteilen, Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Wohnungen, Schaffung von Förderangeboten für Menschen mit sehr schweren Behinderungen.
Der "Zeit" Skandal
1979 erscheint im renommierten ZEIT- Magazin eine Reportage über die katastrophalen Lebensbedingungen sehr schwer behinderter Menschen in Alsterdorf. Die Reaktion der Öffentlichkeit bringt Stiftungsleitung und aufsichtsführende Behörde in massiven Rechtfertigungs- und Erklärungsdruck – im Kreuzfeuer der Kritik werden die vorhandenen beispielhaften Projekte nicht mehr registriert. Aber der äußere Druck beschleunigt auch die Entwicklung: Anfang der 80er Jahre ziehen immer mehr Bewohner vom Stiftungsgelände in Hamburgs Stadtteile. Eine erste Gruppe mit stark auffälligen Bewohnern siedelt sich im Hamburger Umland an. Die frei werdenden Räumlichkeiten auf dem Stiftungsgelände ermöglichen eine Auflockerung der Belegung – jahrelang hat die Stiftung einen Aufnahmestopp. Bessere personelle und räumliche Ausstattung, intensive Zuwendung und moderne pädagogische Konzepte verbessern die Lebensbedingungen der geistigbehinderten Bewohner in den 80er Jahren erheblich.