Geschichte - Portrait Heinrich Sengelmann
In den Morgenstunden des 3. Februar 1899 stirbt im Alter von 78 Jahren Heinrich Matthias Sengelmann, der Gründer der Alsterdorfer Anstalten - heute Evangelische Stiftung Alsterdorf. Sengelmann hinterlässt ein Lebenswerk, das seine Nachfolger weiter ausbauen, das heute zu den großen Einrichtungen der Diakonie in unserem Lande zählt:
Wer aber war dieser Heinrich Matthias Sengelmann, diese vielseitige und vielschichtige - wohl auch eigenwillige - Persönlichkeit?
Kindheit im Herzen der Stadt
Heinrich Matthias Sengelmann wird am 25. Mai 1821 in Hamburg am Schweinemarkt (heute Hauptbahnhof, Beginn der Spitalerstraße) geboren. Er ist der einzige Sohn des Gastwirts und Viehhändlers Jochen Hinrich Sengelmann und seiner Frau Margarethe. Heinrich wächst am geschäftigen Schweinemarkt auf, besucht die Gelehrtenschule Johanneum und geht - angeregt durch seine Mutter und Großmutter - in die Gottesdienste des stadtbekannten Predigers Rautenberg, der seine Gemeinde in St. Georg immer wieder zu diakonischer Mitverantwortung aufruft. Die Gedanken und Initiativen der "Erweckungsbewegung" werden Sengelmanns weiteren Lebensweg prägen.
Studienzeit und erste Berufserfahrung
Nach erfolgreichem Abschluss des Johanneums studiert er in Leipzig, später in Halle orientalische Sprachen, die ihn faszinieren, und Theologie. 1843 beendet er mit 22 Jahren sein Studium als Doktor der Philosophie und besteht noch im gleichen Jahr das theologische Staatsexamen. Nach Jahren als Hauslehrer in bürgerlichen Hamburger Familien und Lehrer an Rautenbergs Sonntagsschule übernimmt er 1846 seine erste Pfarrstelle in der Elbgemeinde Moorfleet. Im gleichen Jahr heiratet er Anna Sophia Adele von Saß, eine russische Adelige. Diese Beziehung endet tragisch: Der einzige Sohn wird nur wenige Monate alt, Adele Sengelmann stirbt 1858.
Verantwortung für den Nächsten
Sengelmann ist ein begnadeter Prediger und schart schnell eine kleine Gemeinde um sich. Schon bald nimmt er in seinem Pastorat in Moorfleet sozial benachteiligte Kinder auf.
Er beschult sie und vermittelt ihnen Kenntnisse in Handwerk und Gartenbau. Als er 1853 Pastor an der St. Michaelis-Kirche in Hamburgs Neustadt wird, wandelt er seine "christliche Arbeitsschule" - inzwischen ein Internat - in das St. Nikolai-Stift um. 1860 kauft er den alten Brauhof in Alsterdorf und verlegt das St. Nikolai-Stift dorthin.
Als Pastor an der St. Michaelis-Kirche besucht Sengelmann häufig das benachbarte Gängeviertel. In den ärmlichen Wohnquartieren aus dem 17. Jahrhundert trifft er mehrfach auf Carl Koops, einen geistig behinderten Jungen, und beginnt die vergebliche Suche nach einer geeigneten Pflegefamilie. Schließlich greift er zur Selbsthilfe: Nach einem erfolgreichen Spendenaufruf an die Hamburger Bevölkerung ziehen am 19. Oktober 1863 vier geistig behinderte Jungen - unter ihnen Carl Koops - in ein neues kleines Fachwerkhaus auf dem inzwischen erweiterten Alsterdorfer Stiftungsgelände ein.
Stifter und Direktor
Die Behindertenbetreuung wird bald Schwerpunkt der Alsterdorfer Arbeit. 1867 gibt Sengelmann sein Predigeramt an der St. Michaelis-Kirche wegen Arbeitsüberlastung auf, um sich ganz dem Aufbau der Anstalten zu widmen. Erbschaften sichern ihm und seiner zweiten Frau Jenny einen bescheidenen Wohlstand. Sengelmann übt sein Amt als Direktor ohne Besoldung aus. Sein Privatvermögen bringt er zunächst als Darlehen, später als Erbe in die Stiftung ein.
Pädagoge
Sengelmann beginnt eine rege Bautätigkeit, die systematische Ausbildung von Mitarbeitern und die Entwicklung differenzierter pädagogischer Programme. Seine Auffassung von Bildungsfähigkeit ist weit gefasst: Er beschult geistig und körperlich behinderte Menschen und beschäftigt sie in Küche, Wäscherei, Werkstätten, Gärtnerei und Landwirtschaft.
1895 holt er einen der führenden Heilpädagogen seiner Zeit, den Lehrer Johannes Paul Gerhard, nach Alsterdorf. Er baut die Schule - heute Bugenhagenschulen - innerhalb weniger Jahre zu einer heilpädagogischen Musterschule aus, die weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt wird.
Lobbyist und Publizist
1874 initiiert und gründet Sengelmann gemeinsam mit anderen Einrichtungsleitern in Berlin die "Conferenz der Idioten-Heil-Pflege". Er wird ihr erster Präsident und übt dieses Amt mehr als 20 Jahre aus. Die Konferenz ist Vorläufer des heutigen Bundesverbandes Evangelischer Behindertenhilfe.
Parallel zu seinen praktischen Erfahrungen mit geistig behinderten Menschen beschäftigt sich Sengelmann eingehend mit grundsätzlichen Fragen des "Idiotenwesens". Die Ergebnisse seiner Studien und Erfahrungen fasst er in seinem 1885 veröffentlichten "Systematischen Lehrbuch der Idiotenheilpflege", dem "Idiothophilus", zusammen.
Etwa ein Drittel des Jahres ist Sengelmann unterwegs: Seine Reisen ermöglichen ihm den "Blick über den Zaun". Und er macht mit seinen Predigten und Vorträgen die Verantwortlichen aus Kirche und Politik auf seine Arbeit und ihre Mitverantwortung aufmerksam. Auf seinen Reisen im gesamten Deutschen Raum, aber auch nach Dänemark, Holland, Norwegen, Russland und sogar nach Südamerika akquiriert er immer auch Spenden. Während seiner Abwesenheit vertritt ihn in Alsterdorf die "Frau Direktor" - seine Frau Jenny.
Finanzgenie
In Geldfragen lässt sich Sengelmann eher von Gottvertrauen, als von Fakten leiten. Seine laufende Arbeit finanziert er aus Erträgen der eigenen Landwirtschaften und Betriebe, Beiträgen der Eltern seiner Bewohner, Kostgeldern des Staates und Spenden. Tatsächlich gelingt es ihm immer wieder, auch Mittel für notwendige Neubauten zu beschaffen - zuletzt anlässlich seines 50jährigen Dienstjubiläums 1896, als er mit Senatsgaben und Spenden die Gründung des heutigen Evangelischen Krankenhauses Alsterdorf auf dem Stiftungsgelände realisiert. Es ist sein letztes großes Werk.
Sengelmannserbe
Als er stirbt, leben mehr als 600 geistig, körperlich und seelisch behinderte Kinder und Erwachsene in seinen Einrichtungen. Hinzu kommen 140 Mitarbeiter, die - meist mit ihren Familien - ebenfalls auf dem Anstaltsgelände leben. Die Hamburger trauern mit seiner Gemeinde um diesen großen Sohn ihrer Stadt, der ihnen behinderte Menschen als "Kleinode Gottes" nahegebracht und ihre Mitverantwortung erfolgreich mobilisiert hat. Viele Visionen Sengelmanns konnten erst in den letzten 25 Jahren verwirklicht werden…