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Geschichte - Die NS Zeit 1933 - 1945

Ärztliche Versorgung 1931Die Stiftung wird unter der Leitung von Stritters Nachfolger, Pastor Friedrich Lensch, zur Heil- und Pflegeanstalt, einem "Spezialkrankenhaus für alle Arten geistiger Defektzustände". Der damalige Oberarzt Dr. Gerhard Kreyenberg entwickelt ein umfassendes Modernisierungskonzept im Sinne des medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritts: Röntgentiefbestrahlungen, Insulin- und Cardiazol-Schockbehandlungen, Dauerbäder, Schlaf- und Fieberkuren sollen geistig behinderten Menschen Heilung und Linderung bringen.

Sterilisation auf Befehl

Fahnenappell in Alsterdorf während der NazizeitDa nach damaliger Auffassung der Erbfaktor bei der Entstehung von Behinderungen und Erkrankungen eine große Rolle spielt, bekommt die erbbiologische Forschung eine besondere Bedeutung. Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" von 1933 wird in Alsterdorf begrüßt, und in Form von Massensterilisationen in die Tat umgesetzt. Sankiste in Alsterdorf 1936 - ein trügerisches IdyllDer nationalsozialistische Staat wird in Alsterdorf voll und ganz bejaht: Die meisten Mitarbeiter sind Parteigenossen, Mitglieder der SA oder anderer Gliederungen der Partei. Die Anstalten erhalten zahlreiche Auszeichnungen, werden zum "Nationalsozialistischen Musterbetrieb" erklärt.
 

Deportation und Vernichtung

Alsterdorf gibt erschütternde Beispiele: 1938 – nur wenige Tage nach dem 75jährigen Stiftungsjubiläum – werden ohne äußeren Druck 22 jüdische Bewohner in andere Einrichtungen verlegt und dort getötet. Ein Bus der Gemeinützigen Krankentransport-GesellschaftEin Jahr später – die Stiftung hat inzwischen 1900 Bewohner – laufen die NS- Vernichtungsaktionen an. Schon in "Mein Kampf" hatte Adolf Hitler das Gedankengut der Herren Binding und Hoche aufgenommen. Jetzt nutzt er die Wirren des 2. Weltkrieges für deren Umsetzung. 1941 werden – ausgewählt von Dr. Kreyenberg – 71 Alsterdorfer, im August 1943 nach den schweren Bombenangriffen auf Hamburg weitere 469 Bewohner in nationalsozialistische Tötungsanstalten deportiert. Hinzu kommen Verlegungen in die Fachabteilung des Krankenhauses Rothenburgsort, wo Kinder Opfer medizinischer Experimente werden. Die meisten Deportierten sind jedoch Erwachsene, die "Euthanasie"-Ärzte durch systematisches Verhungernlassen und Überdosierung von Medikamenten ermorden.

Dorothea Kasten -
Schicksal einer jungen Frau

Dorothea KastenSie erkrankt als Neunjährige an Gehirnhautentzündung. Mit 29 Jahren wird sie in Alsterdorf aufgenommen. Sie kann etwas schreiben und lesen, spielt Harmonium und erledigt einfache Hausarbeiten. Später zieht sie sich immer mehr zurück, braucht Pflege und verliert ihre Arbeitsfähigkeit – ein Umstand, der im August 1943 offenbar zur Auswahl für ihre Deportation in den Steinhof nach Wien führt. Als ihre Mutter sie dort 8 Monate später aufsucht, ist sie auf 33 kg abgemagert. Die Bitten, ihre Tochter mit nach Hamburg nehmen zu dürfen, lehnen die Ärzte ab. Sie raten ihr, "der Einschläferung" zuzustimmen. Geleitet von dem Gedanken, ihre Tochter auf diese Weise den Peinigern entreißen zu können, willigt die alte Dame schließlich ein. Dorothea Kasten stirbt am 2. Mai 1944. Gefälschte Todesursache: Lungentuberkulose. Zur Erinnerung an die Opfer der "Euthanasie" hat die Stiftung 50 Jahre nach den Deportationen ihre Zufahrt und damit ihre Anschrift nach Dorothea Kasten benannt. 79 von 629 Deportierten haben die "Euthanasie"-Aktionen überlebt. In den Nachkriegsjahren kehren 45 von ihnen nach Alsterdorf zurück. Pastor Lensch legt im Oktober 1945 sein Amt nieder, ist bis 1976 Pastor in Othmarschen. Dr. Kreyenberg verläßt 1945 ebenfalls die Anstalten, praktiziert weiter als niedergelassener Arzt im Stadtteil Alsterdorf. Der ausgebrannte Versammlungssaal 1945 Zwar gibt es Ende der 40er Jahre eine kurze Phase der kritischen Reflexion in der Stiftung. Historisch aufgearbeitet wird diese Zeit jedoch erst Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts.