zur Übersicht

Das Leid anerkennen

Stiftung »Anerkennung und Hilfe« zieht erste Bilanz


v.l.n.r.: Prof. Christian Pfeifer, Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard, Karin Schmüser (vorne) - ehem. Bewohnerin, Prof. Maike Rotzoll, Werner Boyens - ehem. Bewohner, Prof. Hanns-Stephan Haas und Dr. Michael Wunder v.l.n.r.: Prof. Christian Pfeifer, Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard, Karin Schmüser (vorne) - ehem. Bewohnerin, Prof. Maike Rotzoll, Werner Boyens - ehem. Bewohner, Prof. Hanns-Stephan Haas und Dr. Michael Wunder

»Die haben uns behandelt wie Gefangene« – unter dieser Überschrift stand die zweite Veranstaltung zur ›Anerkennung der Opfer von Gewalt und Unrecht in der Behindertenhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie‹.

 

Zu dieser hatten die Evangelische Stiftung Alsterdorf und die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) der Freien und Hansestadt Hamburg in die Kulturküche auf dem Alsterdorfer Markt eingeladen.

 

Zahlreiche Menschen mit Behinderung haben in den Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder-und Jugendpsychiatrie in der Zeit von 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik Deutschland bzw. von 1949 bis 1990 in der DDR Leid und Unrecht erlebt, darunter körperliche Züchtigungen, sexuelle Übergriffe, Isolierung, Fixierung, Demütigungen oder Medikation zur Ruhigstellung.

Die Stiftung »Anerkennung und Hilfe« der Bundesregierung, der Kirchen und der Bundesländer hat das Ziel, dieses Unrecht öffentlich anzuerkennen, die damaligen Geschehnisse wissenschaftlich aufzuarbeiten und die Betroffenen bei der Bewältigung der Folgewirkungen zu unterstützen.

Auf Bundesebene wurden bisher ca. 5.000 Anträge gestellt, davon alleine 300 in Hamburg. Innerhalb der Evangelischen Stiftung Alsterdorf wurden in Hamburg und Schleswig-Holstein 201 Anträge gestellt, wovon 137 bewilligt wurden. 49 sind noch in Bearbeitung und 15 wurden abgelehnt.

 

Geschehenes Leid anerkennen mit unbürokratischer Hilfe

»Kein Geldbetrag kann das, was den Betroffenen widerfahren ist, wiedergutmachen. Aber mit der als Ausgleichszahlung, die zur Verfügung steht, und mit großem Einsatz werden Wege gesucht, um individuelle Anerkennung zu ermöglichen. Das berührt mich sehr. Es ist ein guter Weg, einen Umgang mit geschehenem Unrecht zu finden« betonte Senatorin Dr. Melanie Leonhard zum Auftakt der Veranstaltung.

 

Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, hob hervor, wie wichtig es sei, dass Menschen, denen solches Leid zugefügt wurde, Unterstützung erhielten, um ihre Ansprüche geltend zu machen. Gleichzeitig entschuldigte er sich bei allen, die in den damaligen Alsterdorfer Anstalten Leid erfahren haben.

 

Ein Plädoyer für Vertrauen und Transparenz – und eindringliche Zeitzeugenberichte

Professor Dr. Christian Pfeiffer, Kriminologe und ehemaliger niedersächsischer Justizminister, sprach in seinem Vortrag »Gegen Gewalt. Warum Gerechtigkeit und Liebe unsere besten Waffen sind« über autoritäre Strukturen in verschiedenen Einrichtungen wie Anstalten, Schulen und dem Polizeiwesen. Wichtig sei es »mit den dort Lebenden menschlich umzugehen«. Je besser das Klima in einer Anstalt sei, desto weniger Gewalt gebe es dort. Vertrauen sei die Basis für gesellschaftliches Zusammenleben.

 

Zutiefst bewegt waren die zahlreichen Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung von den Schilderungen früherer Bewohnerinnen und Bewohner der ehemaligen Alsterdorfer Anstalten, die im Gespräch mit Dr. Michael Wunder, Leiter des Beratungszentrums Alsterdorf, über ihre Erlebnisse und ihr jahrelanges Leiden berichteten.

 

Prof. Dr. Maike Rotzoll vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg, stellte den aktuellen Forschungsstand des Begleitforschungsprojektes der Stiftung »Anerkennung und Hilfe« vor. Hier kamen besonders verschiedene Gewaltformen in Einrichtungen wie Medikamentengabe, körperliche Gewalt oder sexuelle Übergriffe zur Sprache.

 

Die Veranstaltung wurde mit stimmungsvollen Songs von der Band Herztöne von barner 16 untermalt.

 

Das Schlusswort der Veranstaltung sprach Landespastor Dirk Ahrens, Vorstandvorsitzender des Diakonischen Werkes Hamburg: »Wir sind mitten in einem Prozess der Aufarbeitung des Leids, der seit zwei Jahren läuft und dieser ist sehr schmerzhaft.« Forschung und Transparenz seien wichtig. Zum Schluss bat er die Besucher, zu Hause eine Kerze anzuzünden – für diejenigen, die ihre Ansprüche nicht äußern können.

 

Welche Unterstützung bietet die Stiftung »Anerkennung und Hilfe« den Betroffenen?
Die Unterstützungsleistung der Stiftung »Anerkennung und Hilfe« besteht aus einem einmaligen Pauschalbetrag in Höhe von 9.000 € zum selbstbestimmten Einsatz. Zusätzlich erhalten Opfer, die gearbeitet haben und für die keine Sozialversicherungsbeiträge entrichtet wurden, abhängig von der Arbeitsdauer eine Einmalzahlung von 3.000 € bis 5.000 €.

 

Betroffene, die in Hamburg wohnen, können sich bis zum 31. Dezember 2020 bei der Anlauf- und Beratungsstelle im Versorgungsamt Hamburg melden:

Adolph-Schönfelder-Straße 5

22083 Hamburg

Telefon: 040 115 (Mo-Fr 7:00-19:00 Uhr)

E-Mail: stiftung-anerkennung-hilfe@basfi.hamburg.de

 

Weiterführende Informationen gibt es auf der bundesweiten Webseite www.stiftung-anerkennung-und-hilfe.de

Erstellungsdatum 22.03.2019
Kontaktinfos Evangelische Stiftung Alsterdorf
Öffentlichkeitsarbeit
Hans Georg Krings
Telefon: 040 50773483
E-Mail: h.krings@alsterdorf.de