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Die Nacht, in der die Synagogen brannten

Konzert zum Gedenken an die Reichspogromnacht mit großem Bedauern abgesagt


9. November 1938 9. November 1938

Aus Gründen der Corona-Pandemie musste dieses Jahr das Konzert zum Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November in der Hauptkirche St. Petri mit großem Bedauern abgesagt werden.

 

Wir haben in Alsterdorf aber dennoch allen Grund, an diesem Tag innezuhalten und die Erinnerung wachzuhalten.

 

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 steht für einen traurigen Höhepunkt der sich bis dahin im NS-Staat stetig steigernden antisemitischen Hetze, die schließlich in offener Gewalt und Existenzvernichtung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger gipfelte: Im Reichsgebiet wurden in dieser Nacht 400 Juden auf offener Straße ermordet, über 1.400 Synagogen brannten, tausende jüdische Geschäfte wurden zerstört und geplündert, zehntausende Juden kamen ins KZ.

 

Die Entwicklung in den ehemaligen Alsterdorfer Anstalten ist mit diesen Geschehnissen verwoben: Am 19. Oktober 1938 feierte die Anstalt mit großem Pomp ihr 75-jähriges Jubiläum. Das neue Altarbild in der Kirche mit den 12 Gemeindemitgliedern um das Kreuz Christi, die einen Heiligenschein tragen, und den drei Menschen mit Behinderung, die keinen Heiligenscheinen haben, wurde feierlich enthüllt. Es war eine verschlüsselte, aber verstehbare Botschaft, die Menschen als ungleich kennzeichnete, selbst vor Gott. Keine zwei Wochen später und kurz vor der Reichspogromnacht wurden am 31.Oktober 1938 die 28 jüdischen Anstaltsbewohnerinnen und -bewohner aus Alsterdorf entfernt und zu Heimatlosen in den aufnehmenden staatlichen Einrichtungen. Im September 1940 gehörten viele von ihnen zu dem großen Abtransport jüdischer Patienten und Patientinnen aus Langenhorn in die Gaskammer von Brandenburg an der Havel – dem ersten Transport in die Euthanasie und der ersten Deportation jüdischer Mitbürger aus Hamburg überhaupt.

 

Zusammen mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde und des Zentralrats der Muslime in Deutschland erinnern wir seit einigen Jahren mit der Musik jüdischer Komponistinnen und Komponisten am 9. November an diese Zusammenhänge. Wir tun dies, um ein Zeichen zu setzen gegen erneute Diskriminierung und Gewalt gegen jüdische Mitmenschen, gegen Flüchtlinge, gegen Menschen mit Behinderung, gegen Andersdenkende, Andersempfindende und Andersaussehende.

 

Das Konzert ist abgesagt, die Erinnerung und das Eintreten gegen Ausgrenzung, Hass und Verfolgung aber nicht.   

 

Hören Sie hier die Komposition „Gebet“ von Oskar Gottlieb Blarr (*1934) in einer Aufnahme der beiden Musikerinnen Irene Kurka (Sopran, Düsseldorf) und Kerstin Petersen (Orgel, Hamburg).

Das Lied für Sopran und Orgel stammt aus dem Zyklus „Lieder aus Jerusalem“ und basiert auf dem Gedicht „Ich suche allerlanden eine Stadt“ von Else Lasker-Schüler. Musik und Worte sind eng verwoben und bringen eine tiefe Religiosität zum Ausdruck, die frei von Dogmatismus neben dem mystischen Judentum auch Elemente christlicher und muslimischer Traditionen aufnimmt. Die Uraufführung von „Gebet“ sang 1982 die deutsch-israelische Sängerin Cilla Großmeyer in der Erlöserkirche Jerusalem.
 

Ich suche allerlanden eine Stadt, 

Die einen Engel vor der Pforte hat. 

Ich trage seinen großen Flügel 

Gebrochen schwer am Schulterblatt 

Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in die Nacht ... 

Ich habe Liebe in die Welt gebracht – 

Dass blau zu blühen jedes Herz vermag, 

Und hab ein Leben müde mich gewacht, 

In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest; 

Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest, 

Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt, 

Du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt 

Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

(Else Lasker-Schüler)

Erstellungsdatum 06.11.2020
Kontaktinfos Evangelische Stiftung Alsterdorf
Öffentlichkeitsarbeit
Hans Georg Krings
Telefon: 040 5077 3483
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