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Drei Religionen – eine Mahnung

Bewegendes Gedenken in der St. Nicolaus-Kirche zu den Novemberpogromen 1938


Pamela Coats (Klarinette) und Kerstin Petersen (Piano) im Duett Pamela Coats (Klarinette) und Kerstin Petersen (Piano) im Duett

»Die Nacht, in der die Synagogen brannten« – unter dieser Überschrift hatte Dr. Michael Wunder (Beratungszentrum Ev. Stiftung Alsterdorf) zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht am 9. November 1938 in die St. Nicolaus-Kirche eingeladen. Im Zentrum des Abends stand ein interreligiöser Trialog dreier Vertreter der großen Weltreligionen Christen- und Judentum sowie des Islam.
Eugen Balin, Vorsitzender des Beirats der Jüdischen Gemeinde Hamburg, erinnerte in einem historischen Rückblick an die schrecklichen Ereignisse der Novemberpogrome und deren tödliche Konsequenzen für den größten Teil der Hamburger jüdischen Bevölkerung in der Zeit des Nationalsozialismus. Angesichts des verstärkten Antisemitismus heutiger Tage rief er zur Wachsamkeit auf: »Wir alle tragen die Verantwortung, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Judenhass darf keinen Platz in der Gesellschaft haben!«

 

Dass auch muslimische Bürgerinnen und Bürger in unserem Lande von rassistischen Anfeindungen und Übergriffen betroffen sind, verdeutlichte der Vorstandsvorsitzende der Hamburger Al-Nour Moschee, Daniel Abdin. In seinem Redebeitrag beklagte er die Tatsache, dass die zunehmenden Aktivitäten der Neonazis zu lange verharmlost wurden und erinnerte an die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Abdin: »Es ist ein Klima der Ignoranz entstanden. Diesem Umstand können wir nur begegnen, wenn wir für mehr Aufklärung besonders unter den Jugendlichen sorgen. Bildung ist die beste Prävention gegen Intoleranz und Fremdenhass«.

 

Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, drückte als Theologe zunächst seine Freude über das Zustandekommen eines gemeinsamen Gedenkens aus: »Wir sind heute hier als Gläubige dreier Weltreligionen, die wissen, was nicht sein darf und leben in einer Zeit notwendiger Wachsamkeit. Wachsamkeit ist fester Bestandteil des jüdischen, islamischen und christlichen Glaubens«. Besonders kritisch sah Prof. Haas die zunehmende Verschiebung der Grenzen in Bezug auf die Tolerierung rassistischer Worte und Taten: »1938 haben sich die Grenzen in der Gesellschaft verschoben, bis es zum Dammbruch kam, zu den Novemberpogromen. Die Lehre aus der Geschichte führt heute zu der Verpflichtung jeder Form von Ausgrenzung Widerstand entgegenzusetzen«.

 

Wie eine weitere Mahnung, wachsam zu sein und Verantwortung im Kampf gegen Rassismus zu tragen, wirkte der musikalische Beitrag des Gedenkabends. Die Hamburger Organistin Kerstin Petersen und die Klarinettistin Pamela Coats interpretierten auf eindringliche Weise Stücke verschiedener Komponisten, von denen einige Opfer der Nazizeit wurden – in den Suizid getrieben, im KZ ermordet oder zur Emigration gezwungen. Diakonin Katharina Seiler (Diakonische Profilentwicklung der Evangelischen Stiftung Alsterdorf) lieferte kommentierend wertvolle biographische und entstehungsgeschichtliche Informationen zu den einzelnen Werken der in der Zeit des Naziterrors verfemten Komponisten, wie Bruch, Berlinski, Fromm-Michaels, Tailleferre und Mendelssohn.

 

Die inhaltliche Wucht der Wortbeiträge dreier Religionsvertreter und der aufgeladene musikalische Spannungsbogen gingen so eine kraftvolle Symbiose ein, die noch lange bei den Gästen nachwirken wird – ein Aufruf zum alternativlosen Widerstand gegen Rassismus und die Ausgrenzung von Minderheiten in unserer heutigen Zeit.

 

Weiterführender Link: https://www.beratungszentrum-alsterdorf.de/fachdiskussion/erinnern-fuer-die-zukunft

Erstellungsdatum 08.11.2019
Kontaktinfos Evangelische Stiftung Alsterdorf
Öffentlichkeitsarbeit
Hans Georg Krings
Telefon 040 50773483
h.krings@alsterdorf.de
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