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Mein Gott, mein Gott! Warum hast Du mich verlassen?

Alljährliches Gedenken zum Tag des Kriegsendes am 8. Mai


Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!

Der 8. Mai: Für die Evangelische Stiftung Alsterdorf, die Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll, die Evangelische Akademie der Nordkirche und die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll ist dieser Tag stets ein besonderer Tag des Gedenkens an die über 500 im Rahmen des »Euthanasie«-Gesetzes der Nationalsozialisten ermordeten Klientinnen und Klienten aus Alsterdorf, der über 3500 Ermordeten der damaligen Heil- undPflegeanstalt Langenhorn/Ochsenzoll sowie aller Opfer nationalsozialistischer Barbarei.

 

Ein guter Ort, den Gedenktag zu beginnen, ist die St. Nicolaus-Kirche, in der angesichts des grässlichen historischen Überbleibsels aus der NS-Zeit, des Wandbildes, Akzente der Wut, der Trauer und Empörung, aber auch der Hoffnung besonders starke Wirkung verbreiten und ihren guten Ort gefunden haben. Kernfrage des diesjährigen Gedenktages: »Können wir aus der Geschichte der Euthanasie lernen?«

 

Nach der Begrüßung durch Pastor Hanns-Stephan Haas und Dr. Michael Wunder (Leiter Beratungszentrum und eine Triebfeder des angemessenen Gedenkens der Stiftung) gaben Schülerinnen und Schüler der Fachschule für Heilerziehung stellvertretend für ihre Generation eine erste Antwort. In mittlerweile fester Tradition forderten die von ihnen gefertigten Transparente mit den Namen der Ermordeten augenfällig das Nichtvergessen ein. Im Mittelpunkt für die jungen Leute standen in diesem Jahr die Angehörigen der Opfer. Lesungen aus Briefen von Müttern und Vätern, die sich nach dem Schicksal ihrer Kinder erkundigten und den unverschämten Antwortschreiben der Beteiligten an der perfiden Mordaktion, wie z.B. Ärzte und Krankenhausverwaltungsmitarbeiter, ließen die vielen anwesenden Gäste in St. Nicolaus förmlich erstarren.

 

Nach der bewegenden Andacht in der Kirche trugen Pastor Haas und Landespastor Dirk Ahrens den Kranz der Stiftung zur Stolperschwelle an der ehemaligen Pforte der Alsterdorfer Anstalten, dem Ort, der der Startort der grauen Busse zu den Mordstätten im gesamten Deutschen Reich war. In seiner Ansprache erinnerte Landespastor Ahrens daran, wie unter der nationalsozialistischen Herrschaft das Gottesbild pervertiert wurde und rief aus: »Gott ist ein Meister der Vielfalt – wann werden wir es sein?«.

 

Auch Dennis Wendel von der Gesamtmitarbeitervertretung der ESA fand bei der anschließenden Gedenkstation am Mahnmal eindringliche Worte und erinnerte an die Notwendigkeit, stets wachsam zu sein und den Anfängen zu wehren. Hier mahnte er die besondere Verantwortung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung an, Ungerechtigkeiten aufzudecken und rassistischem und nationalistischem Gedankengut eine Absage zu erteilen.

 

Dass Gott in der Tat nur als Gott der Vielfalt angesehen werden kann, bewies im Anschluss an das eher stille Gedenken in St. Nicolaus und den Mahnorten Frau Esther Bejarano in der Aula der Bugenhagenschule. Die 92-jährige (!) Dame, eine der letzten noch lebenden Zeitzeugen der Gräuel der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, las auf der Bühne der Aula aus ihren Erinnerungen an die schrecklichste Zeit ihres Lebens und schilderte, wie Musik für sie lebensrettend war, als sie Teil des Lagerorchesters wurde. Die anwesenden Gäste, von jungen Bugi-SchülerInnen über Tagesgäste bis hin zum versammelten Vorstand der ESA, konnten und wollten angesichts der geschilderten Lebenserinnerungen ihre Emotionen nicht unterdrücken – und eine fallende Stecknadel hätte Lärm verursacht. Was im Anschluss an die Lesung folgte, war für viele Gäste in seiner Intensität schier unfassbar: Esther Bejarano machte gemeinsam Musik mit der Microphone Mafia, einem Musikprojekt, an dem auch ihr Sohn Yoram teilnimmt sowie Kutlu - geboren in Köln als Sohn türkischer Einwanderer. "Für uns war das damals interessant, wie sie noch weiter Musik machen kann, nach dem ganzen Erlebten. Und dann hat sie zu uns gesagt: 'Hätte ich mit der Musik aufgehört, dann hätten sie mich getötet'", sagt Kutlu. Und so stehen sie gemeinsam auf der Bühne. Kutlu rappt Texte mit pazifistischer und antirassistischer Botschaft und Esther Bejarano, wie schon gesagt 92 Jahre alt, singt deutsche, englische, französische und jiddische Texte. In der Aula der Bugenhagenschule erreicht es jeden und es hält niemand auf den Plätzen – ein unvergessliches Wechselbad der starken Gefühle. Pastor Hanns-Stephan Haas fand nach dem Konzert zum Abschied dieser eindrucksvollen Frau Worte, die vielen Anwesenden aus der Seele sprachen, indem er sagte: »Wenn das eigene Leben zu einer Botschaft wird, die nie an ein Ende kommt, dann lebt man eigentlich schon ewig. Frau Bejarano, ich bin Theologe und habe meine Vorstellung von »Ewigkeit«. Nachdem ich Sie heute erleben durfte, hat dieser Begriff für mich eine ganz neue Bedeutung gewonnen«.

 

Ochsenzoller Nachmittag: Mehr als 3500 Menschen sind den Maßnahmen der ›Euthanasie‹ in den damaligen Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn/Ochsenzoll zum Opfer gefallen. Gemeinsam mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf bildet die Veranstaltung in den Räumen der heutigen Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll den eher theoretisch untermauerten Schlusspunkt des Gedenktages zum 8. Mai. Nach Einführungsworten von Dr. Michael Wunder und einer Begrüßung durch Prof. Dr. Claas-Hinrich Lammers, Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll folgten die Gäste in der vollbesetzten Mehrzweckhalle der Klinik dem spannenden Vortrag des Historikers Prof. Dr. Wolfgang Benz mit der Fragestellung: »Über den Wert des Lebens – Können wir aus der Geschichte lernen?«. In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, wie wichtig auch heute und in Zukunft die historische Forschung, die Benennung und Einordnung der Ereignisse der NS-Zeit, aber auch die der Folgejahre in der Bundesrepublik mit ihren personellen und geistigen Kontinuitäten sind - bis hin zum derzeitigen Wiedererstarken nationalstaatlicher und »völkischer« Denkweisen sowie der Tendenz, wieder in ein technisiertes Menschenbild mit Wertigkeitsabstufungen einzusteigen.

 

Der Ochsenzoller Nachmittag muss mit einem Gedenken enden, denn an diesem Ort, der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn/Ochsenzoll, wurden mehr als 3.500 Menschen Opfer der ›Euthanasie‹-Mordmethoden der Nazis. Pastor Hanno Billerbeck von der kirchlichen Gedenkstättenarbeit Neuengamme rief vor dem Mahnmal der Klinik zur Erinnerung auf und ummantelte diese Mahnung mit dem Klageruf Jesu: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?« Manch einer mag nach diesem Tag diese Klage so gehört haben, als hätte ihn der Chor der ermordeten, geknechteten und gedemütigten Opfer der Nazizeit gemeinsam gerufen.

Erstellungsdatum Donnerstag, 11. Mai 2017
Kontaktinfos Evangelische Stiftung Alsterdorf
Hans Georg Krings
Öffentlichkeitsarbeit
Telefon: 0 40.50 77 34 83
E-Mail: h.krings@alsterdorf.de
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