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Stadtgespräche – Inklusion und Medizin

»Inklusion bedeutet, an viele Grenzen zu stoßen. Da müssen wir ran.«


v.l.: Kathrin Herbst, Kerstin Hagemann, Moderator Peter Wenig, Cornelia Prüfer-Storcks und Ulrich Scheibel v.l.: Kathrin Herbst, Kerstin Hagemann, Moderator Peter Wenig, Cornelia Prüfer-Storcks und Ulrich Scheibel

»Inklusion bedeutet, an viele Grenzen zu stoßen. Da müssen wir ran,« – so brachte ein Gast der »Stadtgespräche« die gesellschaftliche Herausforderung auf den Punkt. Was das für den Bereich »Gesundheit und medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung« bedeutet, diskutierten Experten und Gäste bei den »Stadtgesprächen« im Bankhaus Donner & Reuschel. Der Förderkreis der Ev. Stiftung Alsterdorf lädt zu dieser Veranstaltungsreihe ein, bei der die Inklusion das Schwerpunktthema ist. »Darunter verstehen wir die vollständige und gleichberechtigte Beteiligung aller Menschen an allen gesellschaftlichen Prozessen«, sagte Prof. Hans-Stephan Haas, Vorsitzender des Vorstands der Ev. Stiftung Alsterdorf.

 

Das Podium – Kerstin Hagemann von der Patienteninitiative, Kathrin Herbst, Leiterin des Landesverbandes der Ersatzkassen Hamburg, Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks und Ulrich Scheibel, ESA-Vorstand für den Medizin-Bereich – war sich mit Moderator Peter Wenig vom Abendblatt einig: Es gibt noch viel zu viele Barrieren in der medizinischen Versorgung von Menschen mit Behinderung. »Die räumlichen Barrieren - Stufen, enge Behandlungszimmer und fehlende Behindertentoiletten machen nur einen Teil des Problems aus«, sagte Hagemann, selbst Rollstuhlfahrerin. »Dazu kommen die Barrieren in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient und teilweise fehlende Fachkenntnisse.« Für Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung bedeutet das eine dramatische Unterversorgung mit spürbaren Konsequenzen, machte Ulrich Scheibel deutlich: »Krankheiten werden häufig zu spät erkannt oder nicht angemessen behandelt. Das heißt für die Betroffenen, dass sie länger unter Schmerzen leiden als nötig oder im schlimmsten Fall sogar frühzeitig sterben.«

 

Mit der Eröffnung des Medizinischen Zentrums für erwachsene Menschen mit Behinderung (MZEB), ein Angebot am Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf, ist diese Versorgungslücke teilweise geschlossen. Wenn niedergelassene Ärzte aufgrund der Art und Schwere einer Behinderung einen Patienten nicht behandeln können, überweisen sie ihn ins MZEB. Dort arbeiten erfahrene Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten im MZEB interdisziplinär eng zusammen. »Hamburg und die Ev. Stiftung Alsterdorf sind damit bundesweit Vorreiter«, betonte Senatorin Prüfer-Storcks – mit weitreichender Wirkung: Aufgrund der Hamburger Initiative wurde die Gesetzgebung auf Bundesebene geändert, überall in Deutschland müssen nun vergleichbare Zentren eingerichtet werden, denn: »Inklusion braucht auch Spezialisierung«, so Prüfer-Storcks.

Allerdings reiche das MZEB allein nicht aus – auch die wohnortnahe Versorgung von Menschen mit Behinderung durch niedergelassene Ärzte müsse gestärkt werden. Die Ev. Stiftung Alsterdorf bietet deshalb Fortbildungsseminare an und will ein Kompetenznetz aufbauen. Die Bereitschaft der Ärzte, sich dafür einzusetzen, ist jedoch gering – neben den Berührungsängsten mit Menschen mit Behinderung spielen wirtschaftliche Interessen eine wesentliche Rolle.

 

»Menschen mit Behinderung zu behandeln, dauert länger und bedeutet wesentlich mehr Aufwand«, berichtete Zahnärztin Dr. Katy Düsterhöft vom Dentologicum aus der Praxis. »Das bekommen wir nicht vergütet, es ist unser persönliches soziales Engagement.« Das ist ungerecht, meinte das Publikum: Ärzte, die Menschen mit Behinderung behandeln, sollten finanzielle Zuschläge erhalten, damit die Behandlung dieser Patienten kein wirtschaftliches Risiko ist.

 

Kathrin Herbst als Vertreterin der Krankenkassen wies diese Forderung ab: Jeder Arzt sei aufgefordert, alle Menschen zu behandeln – dies entspreche dem Grundprinzip der Solidargemeinschaft, und auf diese »Mischung« unter den Patienten sei auch die Vergütung ausgerichtet. Dieses Argument konnte die Anwesenden jedoch nicht überzeugen.

 

»Die Strukturen im Gesundheitssystem sind starr und es gibt immer zahlreiche Gründe, die gegen eine Veränderung sprechen«, sagte ESA-Vorstand Ulrich Scheibel. »Mit der Einrichtung des MZEB haben wir – zusammen mit anderen Verbänden der Behindertenhilfe, Politik und Krankenkassen – gezeigt, dass man dennoch Dinge verändern kann. Ich lade alle dazu ein, die Ärmel hochzukrempeln, nicht darauf zu warten, bis es irgendwann neue Regelungen auf Bundesebene gibt, sondern kreativ nach Lösungen zu suchen – als Leuchtturm in Hamburg.«

 

Weitere Informationen:

www.mzeb-hamburg.de

Erstellungsdatum Mittwoch, 14. Oktober 2015
Kontaktinfos Evangelische Stiftung Alsterdorf
Öffentlichkeitsarbeit
Arndt Streckwall
Alsterdorfer Markt 5
22297 Hamburg
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E-Mail: a.streckwall@alsterdorf.de