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Was hat eine Rallye mit Inklusion zu tun?

Inklusion macht Spaß und braucht Begeisterte


Pastor Eckart Drews Pastor Eckart Drews

Vorweg eine polemische Klarstellung:

Inklusion ist in unserer politischen und gesellschaftlichen Landschaft mittlerweile zu einem Kampfbegriff geworden. Aus einem selbstverständlichen: Jedes Leben zählt, jede und jeder gehört dazu und gemeinsam sind wir viele und viele sind vielfältig – also aus einem Positivum in Bezug auf Gemeinschaft und Zusammenhalt – erwächst für viele ein Gefühl der Bevormundung, der Einschränkung, des verordneten Rücksichtnehmens. »Warum immer auf die Letzten warten? Warum in der Schule den Lerneifer unserer Kinder bremsen, nur damit auch behinderte Kinder mitgetragen werden?»

 

Und wir könnten das ausweiten – auf Frauen, auf MigrantInnen, auf Andersgläubige, auf Andersfühlende …« diese ewige Politische Korrektheit ist ein Spleen der Gutmenschen und strengt ungeheuer an. Alle Normalmenschen sowieso. Schließlich will Mensch bleiben wie ich will – und so gesehen ist Inklusion etwas für Moralisten und Spaßverderber. Auf jeden Fall anstrengend und spaßbefreit!« Ich fasse zusammen: Inklusion ist kein Begriff und schon gar kein Geschehen, das Menschen freudig in Bewegung bringt.

 

Und gern wird Inklusion dann an die Fachdisziplinen verwiesen; die Sozialarbeiter, die Streetworker, die Pädagogen in Schulen und Bildungswerken, die Gleichstellungs- und die Behindertenbeauftragten. Und damit raus aus dem eigenen Vorgarten, der eigenen Nachbarschaft, und letztlich dem eigenen Verantwortungsbereich.

 

Und dann kommt da eine Idee,

ein fast irre klingendes Projekt: Mit einem Schrottauto einmal rund um die Ostsee fahren. Als All-Inklusiv-Team. Mit Menschen aus der Nachbarschaft und Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Blind, suchtkrank, Heimbewohner, chronifiziert, kommunikationsgestört, beziehungseingeschränkt – doch alle beseelt von dieser einen Idee: Jede und jeder von uns trägt etwas dazu bei, dass diese Tour gelingt – eine Tour, die auch für sogenannt Normalmenschen eher einer Tortur denn einer Urlaubsfahrt ähnelt. Ohne Navi, ohne Autobahnen – auf Abenteuertrip in unbekannte Welten. Und es wächst eine Begeisterung im umliegenden Sozialraum, es finden sich immer mehr Unterstützer, die Follower auf facebook und WhatsApp werden zeitweise fünfstellig. Weil Begeisterung und Freude ansteckend sind. Weil plötzlich Identifikation entsteht: Das sind unsere Leute, unsere Bargteheider. Unsere Botschafter für ein selbstbestimmtes gemeinsames Ziel.

 

Und ob sich das nun um Fußball handelt…

 …(die Weltmeisterschaft läuft parallel in Russland und unsere Crew wird oft mit Fans des runden Leders verwechselt), oder um Leistungs- und Freizeitsport oder ein Musikfestival oder eine Pilgerreise auf dem Jacobsweg – es ist das gemeinsame Interesse, das verbindet. Die gemeinsame Aktion, das Aufeinander-Angewiesen-Sein. Und eben nicht die Diagnose, die Einschränkung, der Hilfebedarf. Und mal ehrlich: Wer will im Fußballstadion oder am Lagereuer auf den Lofoten oder auf dem Mount Everest oder dem Nordkap schon erkennen, wer auf welche Art behindert ist? Denn plötzlich ist ob der gemeinsamen Aktion die Behinderung so etwas von egal – Freude, Sportsgeist, Begeisterung oder Dazugehörigkeit kennen diese Kategorie nicht. Weil sie in diesem Zusammenhang nicht zählt. Nicht wichtig ist. Nicht behindert.

 

Ein Teilnehmer der All-Inklusiv-Crew war in seinem früheren Leben einmal Fernfahrer. Ohne seinen Fachverstand für Motoren und Tourbus-Innereien wären sie schon in Südschweden buchstäblich auf der Strecke geblieben. Ob es in den Momenten wohl sehr egal war, ob er ansonsten auch unter einem Handicap leidet? Er hat sich die Tour zugetraut, hat sich auf die Vorbereitungen und die Assistenzen eingelassen – und war plötzlich Tourentscheidendes Crew-Mitglied. Er hatte etwas einzubringen – war einzigartig und wichtig.

 

Die anderen, dieses Mal daheimgebliebenen Crewmitglieder versorgten die Fans und Interessierten mit zeitnahen Reiseberichten, sie organisierten die Unterstützung, hielten Kontakt und standen »Gewehr bei Fuß«. Hatten jede und jeder die eigene und unverzichtbare Aufgabe als Beitrag zum gemeinsamen Gelingen.

 

Und plötzlich war Inklusion nicht mehr anstrengend,

nicht mehr nervig oder behindernd – sondern entfachte Begeisterung, sozialen Zusammenhalt, ermöglichte ein lang wirksames und nachhaltiges Abenteuer – und hinterließ bei allen Beteiligten die Gewissheit: Ich kann etwas, ich bin etwas und mein Dabeisein zählt.

 

Inklusion braucht Begeisterte. Braucht Wagemutige. Braucht Ehrgeiz, Spaß und Herausforderung. Braucht Unterstützer und Daran-Glaubende. Und manchmal auch eine Stiftung wie die Evangelische Stiftung Alsterdorf oder deren Tochterfirma, die den Rahmen dazu bietet. Dieses Mal war es tohus – und glauben Sie mir als dem Geschäftsführer: Es war für alle ein Vergnügen! In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch der All-Inklusiv-Crew für ihre Leistung und für unser aller Ermutigung.

 

Pastor Eckart Drews

 

Geschäftsführer tohus gemeinnützige GmbH

Erstellungsdatum Mittwoch, 11. Juli 2018
Kontaktinfos Evangelische Stiftung Alsterdorf
Öffentlichkeitsarbeit
Hans Georg Krings
Telefon: 0 40.50 77 34 83
E-Mail: h.krings@alsterdorf.de