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»Wir dürfen die Gesichter nicht vergessen!«

Erinnern für die Zukunft: Gedenken an ermordete Kinder aus den Alsterdorfer Anstalten


Pastor Hanns-Stephan Haas während seiner Ansprache - Foto: Berndt Rytlewski Pastor Hanns-Stephan Haas während seiner Ansprache - Foto: Berndt Rytlewski

Eine der wichtigsten Traditionen in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf (ESA) ist das alljährliche Erinnern an die Opfer der ›Euthanasie‹.

 

Beim diesjährigen Gedenktag im Rahmen der Veranstaltung »Erinnern für die Zukunft« am 8. Mai, die gemeinsam von der ESA, der Asklepios Klinik Nord, der Evangelischen Akademie der Nordkirche und der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll ausgerichtet wurde, standen neun Kinder im Mittelpunkt. Sie wurden im Rahmen der perfiden Mordaktionen der Nationalsozialisten aus den Alsterdorfer Anstalten heraus zur baldigen Tötung in Kliniken eingewiesen. Für fünf dieser Kinder aus Alsterdorf war der traurige Schlusspunkt ihres kurzen Lebens die sogenannte »Kinderfachabteilung« des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort, in der sie neben 115 anderen Kindern zwischen 1941 und 1944 ermordet wurden.
Schon zum Auftakt der Veranstaltung in der St. Nicolaus-Kirche spürte man die Ergriffenheit bei den vielen Gästen des Gedenktages. Nach einer Einführung ins Thema von Dr. Michael Wunder (Leiter des Beratungszentrums Alsterdorf) betonte der Vorstandsvorsitzende der ESA, Pastor Hanns-Stephan Haas, in seiner Ansprache besonders die Notwendigkeit, die Einzelschicksale im Blick zu behalten: »Indem wir die Namen der Opfer nennen, wird das Unrecht neu benannt. Wir dürfen die Gesichter nicht vergessen!«

 

Ihren besonderen Beitrag, die Einzelschicksale nie in Vergessenheit geraten zu lassen, leisteten Schülerinnen und Schüler der Fachschule für Soziale Arbeit der Stiftung: Sie lasen aus den Krankenakten der fünf ermordeten Kinder vor und erinnerten in ihrem anschließenden Fürbittengebet daran, dass auch in heutiger Zeit Tendenzen erkennbar sind, zwischen »lebenswertem« und »lebensunwertem« Leben zu unterscheiden – Beispiel: die hohe Schwangerschaftsabbruchrate bei erkannter Trisomie 21.

 

Gemeinsam zogen die Gäste zur Kranzniederlegung an die Stolperschwelle, die die Abfahrtsstelle der grauen Busse markiert, in denen die über 500 Menschen aus den Alsterdorfer Anstalten in die Tötungsstätten des ehemaligen Deutschen Reiches transportiert wurden.
Am Mahnmal der Stiftung an der Elisabeth-Flügge-Straße appellierte Dennis Wendel von der Gesamtmitarbeitervertretung der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, rechtsradikalen Tendenzen heutiger Tage entschieden entgegenzutreten.

 

Stiftungsvorstand Dr. Thilo von Trott erinnerte in seiner Gedenkrede und einer Psalmlesung eindringlich an das furchtbare Schicksal der ermordeten Kinder: »Sie erlebten keine Fürsorge mehr, keine Zuwendung, keine Aufmunterung, kein sich einkuscheln und ruhigen Schlaf. Dass unsere Eltern an unserem Bett für uns ein Abendlied sangen oder dass wir an den Betten unserer Kinder jahrelang für sie sangen, das ist Gebhard, Magdalene, Siegfried, Antje und Renate vorenthalten worden«, sagte er und stimmte als hörbares Zeichen der Trauer gemeinsam mit den Gästen das Lied »Weißt du, wie viel Sternlein stehen?« an.

 

Zum Abschluss des Alsterdorfer Gedenktages stand ein musikalischer Verarbeitungsversuch des schweren Themas auf dem Programm: In der Aula der Bugenhagenschule gastierten die Musikerinnen und Musiker des Musicals »Nimmerwiedermehr – Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort«. Das Stück basiert auf wahren Begebenheiten, Personen und konkrete Handlung sind aber Fiktion. Es geht um den Mord an Kindern im Krankenhaus Rothenburgsort im Rahmen der Tätigkeit des «Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden” unter der Herrschaft der Nationalsozialisten – Phantasien von Geschichten von denen, die man getötet hat, denen man ihre Geschichten gestohlen hat.

 

Der zweite Teil des Gedenktages, der »Ochsenzoller Nachmittag« in der Asklepios Klinik Nord, war geprägt von Hintergrund- und Ursachenforschung. Vorträge von Prof. Gerhard Paul von der Universität Flensburg (»BilderMacht. Wie Bilder unsere Vorstellung von Geschichte bestimmen«) und dem Juristen, Kunsthistoriker und Ressortleiter Politik der ZEIT, Dr. Heinrich Wefing (»Medien, Macht und Ohnmacht«) schlugen einen Bogen von der Propaganda der Nationalsozialisten bis zu Medienphänomenen unserer Zeit.

 

Ein Gedenken und eine Lesung an der neuen Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn/Ochsenzoll beendete den - auf eine traurige Weise sehr beeindruckenden - Tag.

Erstellungsdatum 09.05.2019
Kontaktinfos Evangelische Stiftung Alsterdorf
Öffentlichkeitsarbeit
Hans Georg Krings
Telefon: 040 50773483
E-Mail: h.krings@alsterdorf.de