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Zum Beispiel - Carlos Escalera

Stellvertretender Leiter des Beratungszentrums und Sprecher des Fachdienstes Intensivpädagogik

Schwerpunkt: Beratung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Umgang mit Aggressivität und Entwicklungsbegleitung von Menschen mit geistiger Behinderung, die sich Aggressivität als Problembewältigungsstrategie angeeignet haben

 

Alsterdorf Warum sind Sie hier tätig?

 

Carlos Escalera Die pragmatische Antwort ist die: Ich hatte mich 1992 an mehreren Stellen beworben, als ich beschlossen hatte im pädagogischen Bereich tätig zu sein. Zuerst war ich als Spanischlehrer tätig, aber dann dachte ich, nein, ich bin kein Spanischlehrer, denn ich habe Philosophie und Erziehungswissenschaften studiert und mein berufliches Umfeld sollte etwas damit zu haben. Die Stiftung Alsterdorf hat sich damals recht schnell gemeldet und das fand ich als ersten Eindruck schon sehr gut. Ich habe dann sehr schnell hospitiert, im ehemaligen Wohnhaus ›Guter Hirte‹. Hier lebten Frauen, die Wachsaalerfahrungen hatten und gelegentlich auch spuckten und kratzten. Und ich fand's gut, das interessierte mich, das war eine Herausforderung für mich. Ich merkte, dass ich eine Ebene zu diesen Menschen fand, dadurch fühlte ich mich wohl bei den Frauen.

Dann bekam ich eine Leitungsposition im Haus ›Hohenzollern‹, wo es auch um das Thema Aggressivität und Gewalterfahrung ging. Hier lernte ich die Folgen von Gewalt von Institutionen als auch die Folgen der Gewalt von einzelnen Menschen kennen - von Klienten zu Klienten, vom Klienten zu Mitarbeitern, von Mitarbeitern zu Klienten. Es hat mich gereizt, diese Menschen zu begleiten, gemeinsam Krisen zu überstehen.

Ich werde häufig gefragt, ob mir die Arbeit ›Spaß‹ macht. Dann antworte ich: Nein, es macht keinen Spaß zu sehen, wie jemand unter Gewalterfahrungen leidet, wie jemand selbst gewalttätig ist. Es macht keinen Spaß, aber es reizt ungemein, Lösungen für die Menschen zu finden.

 

Alsterdorf Kann man denn sagen, dass Sie Ihre Arbeit erfüllt?

 

Carlos Escalera Ja, auf jeden Fall. Die Arbeit ist ein Teil von mir, meine Persönlichkeit fließt voll in die Arbeit ein. Ich nehme meine Arbeit sehr persönlich und sage auch zu den Leuten: Alles was ich sage, sollen sie bitte auch persönlich nehmen. Ich möchte nicht nur sachlich angenommen werden.

 

Alsterdorf Wie verlief Ihr weiterer Werdegang?

 

Carlos Escalera Die Leitung im Haus ›Hohenzollern‹ hatte ich zwei Jahre. Wir hatten damals Menschen mit Behinderung aus der Forensik geholt  und sie damals mit aufgenommen. Dann änderte sich die Hierarchiestruktur und aus den integrierten Leitungen sollten Verbundsleitungen werden, die wesentlich mehr Verwaltungsarbeit leisten sollten, was mir nicht lag. Ich wollte näher bei den Menschen bleiben.

Dr. Michael Wunder, der jetzige Leiter des Beratungszentrums Alsterdorf und ich kannten uns schon, weil ich ihn mehrfach für meine Wohngruppe engagiert hatte. Und dann kam von ihm 1995 die Frage, ob ich nicht lieber zu ihm kommen wollte und mich mehr mit Forschung und Therapie auseinandersetzen wollte. Dazu gehörte auch die Begleitung von Menschen, die als schwierig eingestuft wurden. Ich habe anschließend den Bereich Intensivpädagogik mit aufgebaut, zusammen mit Psychologen. Psychologen, Pädagogen und Therapeuten gemeinsam haben das Zentrum für Beratung gegründet und daraus ist das Beratungszentrum Alsterdorf entstanden.

 

Alsterdorf Was motiviert Sie in Ihrer alltäglichen Arbeit?

 

Carlos Escalera Meine Arbeit hier ist extrem vielfältig. Wir sind als Beratungszentrum ein regionales, sowie auch bundesweites Zentrum geworden, nicht nur ein Anbieter für Alsterdorf. Dr. Wunder wie auch ich verkaufen unsere Dienstleistungen auch in anderen Bundesländern.
Wir müssen unser Angebotsportfolio beständig verändern und schauen, welche Dienstleistungen nachgefragt werden. So bleibt die Arbeit spannend und immer eine Herausforderung. Wenn neue Kollegen kommen, können sie ihren Arbeitsschwerpunkt bilden, sich spezialisieren. So war das auch bei mir. Ich konnte mich in den Punkten Krisenintervention, Gewalt, Konfliktbewältigung, Eskalation und Deeskalation spezialisieren und etablieren.

Allerdings müssen wir von Jahr zu Jahr schauen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind und ob unsere Angebote nachgefragt werden. Es kann sehr anstrengend für neue Kollegen sein. Es ist eben nicht so, dass man eine Aufgabe bekommt, die man 20 Jahre lang machen kann. Es ist manchmal  eine Herausforderung: Schreiben wir schwarze oder rote Zahlen? Bis jetzt haben wir es geschafft, uns gut auf dem Markt zu positionieren. Dies bleibt unsere Herausforderung mit Blick auf die Zukunft.

 

Alsterdorf Wenn Sie zurückschauen, würden Sie diesen beruflichen Weg nochmal gehen wollen?

 

Carlos Escalera Ja, auf jeden Fall.

 

Alsterdorf Hat es eine Rolle gespielt, dass wir eine konfessionell gebundene Einrichtung sind?

 

Carlos Escalera Nein. Als ich mich hier bewarb, kam ich mit den Erfahrungen aus Spanien. Dort waren die katholische Kirche und Franco sehr eng beieinander. Man muss das Thema Glauben von der Institution Kirche trennen. Dadurch, dass meine Frau evangelisch ist, habe ich der evangelischen Kirche eine Chance gegeben. Es gab diese schöne Anekdote, dass ich fünf Monate vor Ablauf meiner Probezeit einen Anruf bekam von der Personalabteilung: Herr Escalera, Sie sind nicht in der katholischen Kirche, wenn sie nicht eintreten, können wir sie leider nicht weiterbeschäftigen. Sie müssen zu einer Kirche gehören, wenn sie weiter bei uns arbeiten wollen. Und da ich getauft worden bin, trat ich wieder in die katholische Kirche ein. Bis heute zahle ich Steuern an die katholische Kirche in Deutschland.

Das ist aber eher eine verwaltungstechnische Erklärung. Die Frage nach dem Glauben wird aber auf einer anderen Ebene geklärt.  Bis jetzt war es einfach noch nicht soweit, dass ich die Seiten gewechselt habe. Ich bin immer noch in der katholischen Kirche.

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