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Versetzen des Altarbildes aus der Kirche St. Nicolaus

Die Evangelische Stiftung Alsterdorf stellt sich ihrer Geschichte


Versetzen des Altarbild in den Lern- und Gedenkort - Fotos: Axel Nordmeier Versetzen des Altarbild in den Lern- und Gedenkort - Fotos: Axel Nordmeier

Hamburg, 27.05.2021. In den vergangenen Wochen ist an der Kirche St. Nicolaus auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf (ESA) viel in Bewegung gekommen: Die Rückwand mit dem innenseitig aufgetragenen Altarbild wurde aus dem Kirchenbau geschnitten, anschließend wurde das 6x9 Meter große Konstrukt aus Steinwand und stählerner Stützkonstruktion rund 1 Meter 50 aus der Kirche herausgeschoben. Gestern erfolgte der nächste, wichtige Schritt: das Versetzen der Kirchenwand in den neu entstehenden Lern- und Gedenkort direkt vor St. Nicolaus. Hier wird das Altarbild das zentrale Element bilden.

 

Was ist der Grund für das Versetzen des Altarbildes?

In der Kirche St. Nicolaus werden Vergangenheit und Gegenwart der Evangelischen Stiftung Alsterdorf spür- und erlebbar. Erbaut im Jahre 1889 ist sie das letzte Gebäude, das Pastor Heinrich Matthias Sengelmann, der Gründer der Stiftung, noch zu Lebzeiten erstellen ließ. 1938 wurde das bis dahin offene Fenster an dieser Stelle durch ein Altarbild als Sgraffito ersetzt. Das Wandbild zeigt den gekreuzigten Jesus, zu dessen Füßen sich eine Reihe von zwölf Personen befindet, die einen Heiligenschein tragen. Weitere drei Menschen auf diesem Bild hingegen haben keinen Heiligenschein. Es sind Menschen mit Behinderung. Hier wird deutlich: Die Gemeinde hält die Menschen mit Behinderung zwar fest, sie sind aber trotzdem anders und bleiben abhängig. Sie stehen nicht in ihrem Selbstwert vor Gott, sondern aus Barmherzigkeit der Helfenden.

  

„Die ausgrenzende Aussage des Altarbildes sowie dessen Entstehung in der Zeit der unsäglichen Verstrickung der damaligen Alsterdorfer Anstalten in den Nationalsozialismus beeinträchtigte bis heute die gesamte Nutzung der Kirche in hohem Maße“, sagt Hanne Stiefvater, Vorständin der ESA. „Die Evangelische Stiftung Alsterdorf setzt sich schon seit vielen Jahren offen und kritisch mit ihrer Geschichte auseinander. So entstand auch der Entschluss, im Zusammenhang mit der bevorstehenden Renovierung der Kirche, das Altarbild aus der Kirche zu entfernen. Es sollte dabei nicht versteckt, sondern bewusst in die Öffentlichkeit – ‚ans Licht‘ – gebracht werden.“

 

Ein Ort des Gedenkens und Lernens entsteht

Dort, wo sich im Moment noch eine große Baustelle befindet, entsteht in den kommenden Monaten ein zentraler Ort, der sich mit den menschenverachtenden Vorstellungen der Nationalsozialisten und der Rolle der ESA in der Zeit von 1933-45 auseinandersetzt. Das Altarbild in der Kirche St. Nicolaus ist eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse kirchlicher Kunst aus der Zeit des Nationalsozialismus in Hamburg. Die Botschaft dieses Bildes steht im Widerspruch zu den Ideen von Heinrich Sengelmann und vor allem zu dem heutigen Verständnis von Inklusion, dass alle Menschen gleiche Rechte haben und ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind. Am Lern- und Gedenkort wird es möglich sein, das Altarbild zu umrunden, es zu betrachten und sich dadurch mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Ein zusätzlicher wichtiger visueller Bestandteil werden die Bilder und Namen der Opfer der NS-Euthanasie der damaligen „Alsterdorfer Anstalten“ sein. In den Jahren 1938 – 1945 wurden 630 Kinder und Erwachsene mit Behinderung in Zwischenanstalten und Tötungsanstalten der NS-Euthanasie abtransportiert, 513 von ihnen wurden ermordet.

 

Für den Lern- und Gedenkort wird derzeit, unterstützt von externen Expert*innen, ein umfassendes pädagogisches Konzept entwickelt.

 

„Straße der Inklusion“
Die Kirche St. Nicolaus ist der Ausgangspunkt der „Straße der Inklusion“, die aus sechs weiteren Gebäuden rund um die Kirche besteht. Dazu gehören, außer der Kirche, zusätzlich das Haus Schönbrunn, die Alte Verwaltung, das Michelfelder Haus, das Volkmar-Herntrich-Haus, die Kulturküche und das Studienhaus. Durch diese Gebäude wird die über 150-jährige Geschichte der Stiftung mit dem jeweiligen Verständnis von Inklusion und dem damit verbundenen Umgang mit Menschen mit Behinderung in der baulichen Gestaltung sichtbar.

 

Weitere Informationen: www.strasse-der-inklusion.de

Erstellungsdatum 27.05.2021
Kontaktinfos Evangelische Stiftung Alsterdorf
Ingo Briechel
Öffentlichkeitsarbeit
Telefon: 040 5 77 3796
E-Mail: ingo.briechel@alsterdorf.de