Menschen mit Behinderung anstellen

Blinder Mann baut eigenständig eine Schublade zusammen.

Der aktuelle Arbeitsmarkt ist vom Fachkräftemangel geprägt. Die Werbeflächen in Hamburg sind gepflastert mit Kampagnen zur Personalgewinnung. Dabei gibt es viele Menschen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten wollen und nicht die Chance erhalten.

Menschen mit Behinderung sind die wirklichen sogenannten hidden talents des Arbeitsmarkts. Sie werden oftmals übersehen, doch in ihnen steckt richtig viel Potenzial. Meistens wird nur gesehen, was ein Mensch wegen seiner Behinderung nicht kann. Doch wenn wir die Perspektive ändern und uns auf das konzentrieren, was jemand kann, dann ergibt sich ein Bild voller Stärken. Denn Menschen mit Behinderung sind die verborgenen Talente.

So unterschiedlich sind Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt

In einem Arbeitsverhältnis kommt eine Behinderung erst zum Tragen, wenn mindestens ein Grad der Behinderung (GdB) von 50 vorliegt und sie somit als Schwerbehinderung eingestuft wird. Der GdB wird vom Amtsarzt nach versorgungsmedizinischen Grundsätzen festgelegt. Dabei werden körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen nach festen Kriterien unter die Lupe genommen.

So kommt es aber auch, dass unterschiedlichste Beeinträchtigungen über den GdB abgebildet werden. Ein und derselbe GdB kann in echt große Unterschiede aufweisen. Man muss sich also zwingend auf den individuellen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen einlassen.

Menschen, die körperliche Einschränkungen haben, sind stärker auf Hilfsmittel angewiesen, wie beispielsweise ein barrierefreier Zugang, eine Brailletastatur oder ein Computer mit Augensteuerung. Was genau der Arbeitnehmende benötigt, ist immer individuell. Für die technische Ausstattung stellt die Arbeitsagentur auch Gelder zur Verfügung. Weitere Informationen zu wichtigen Anlaufstellen und Partnern für die Einstellung von Menschen mit Behinderung folgen weiter unten im Text.

Menschen mit kognitiven und psychischen Einschränkungen benötigen oftmals mehr Zeit und Geduld. Das bedeutet nicht, dass sie Prozesse verlangsamen würden. Im Gegenteil, die Einarbeitung kann zwar etwas intensiver ausfallen, aber in dem Zuge werden oft alte Strukturen hinterfragt und neue Prozesse aufgesetzt. Und die funktionieren dann langfristig.

Wie so ein neuer Prozess aussehen und ein ganzes Unternehmen im positiven Sinne umstrukturieren kann, sehen Sie hier im Video. Mithilfe von Unterstützter Kommunikation wurde im Unternehmen ahoi Bulli eine eher umständliche Tätigkeit so aufbereitet, dass alle im Unternehmen sie in Vertretung ausführen können – wenn Julius, der neue Experte, mal verhindert ist.

 

Was sind die Vorurteile, denen Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt begegnen?

Viele Unternehmen zögern noch, Menschen mit Behinderung einzustellen. Oft haben sie Ängste und Vorurteile. Sie befürchten, dass der Aufwand größer sein könnte als der Nutzen. Wie viel Zeit muss ich einplanen, wenn ich einen Menschen mit Behinderung einstellen möchte? Was ist, wenn er sich nicht gut ins Team einfügt? Kommt man noch zur eigenen Arbeit, wenn man immer Rücksicht nehmen und unterstützen muss?

Wenn man es genau nimmt, sind das Befürchtungen, die bei jeder neuen Einstellung aufkommen und Realität werden können – egal ob eine Behinderung vorliegt oder eben nicht. Aber Menschen mit Behinderung sehen sich mit diesen Vorurteilen stärker konfrontiert. Um den Arbeitsmarkt inklusiver zu gestalten, muss noch viel in den Köpfen passieren.

Deshalb haben die Beschäftigungsträger in Zusammenarbeit mit den Behörden Formate entwickelt, bei denen sich Unternehmen niedrigschwellig informieren können.

Was für Formate gibt es, damit sich Unternehmen und Menschen mit Behinderung besser kennenlernen?

Der DUOday findet europaweit jedes Jahr statt. Das Konzept: Ein Mensch mit Behinderung, der aktuell einen Werkstattplatz hat, und ein*eine Mitarbeiter*in aus einem Unternehmen bilden für einen Tag ein DUO. Über das Angebot können sich Mensch und Unternehmen genauer in Augenschein nehmen.

Ähnliches Konzept, aber ein bisschen anders: Beim Schichtwechsel wechseln ein*e Mitarbeiter*in aus einem Unternehmen und ein*e Beschäftigte*e aus der Werkstatt für einen Tag die Seiten. Der*die Unternehmens-Mitarbeiter*in lernt genauer die Werkstatt kennen und der Mensch mit Behinderung arbeitet (und testet) den Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

In Hamburg bieten zudem die Sozialbehörde und die Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (LAG WfbM) regelmäßig Austausch- und Informationsveranstaltungen an.

Deshalb lohnt es sich, Menschen mit Behinderung anzustellen

Vielfalt bringt immer neue Perspektiven mit sich. Die Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung ist manchmal unkonventionell – gerade weil wir in unserem Alltagstrott herausgefordert werden und die Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Mentalität auf die Probe gestellt wird. Eine inklusive Arbeitsumgebung fördert zudem Empathie und das Gemeinschaftsgefühl.

Aber inklusives Arbeiten hat auch vor dem Gesetz Vorteile: Unternehmen müssen ab 20 Mitarbeiter*innen eine sogenannte Ausgleichsabgabe zahlen, wenn sie nicht 5% Arbeitnehmer*innen mit Schwerbehinderung beschäftigen.

Es kann sich demnach finanziell lohnen, sich für Inklusion am Arbeitsmarkt einzusetzen. Vor allem ist es aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Denn jeder Mensch hat das Recht auf eine Arbeit mit Mehrwert. Und Menschen mit Behinderung am allgemeinen Arbeitsmarkt zu beschäftigen ist auch ein zentraler Bestandteil der UN-Behindertenrechtskonvention.

Wohin kann ich mich in Hamburg wenden, wenn ich mich über Beschäftigungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung in meinem Unternehmen informieren möchte?

Wie weiter oben beschrieben veranstalten die Sozialbehörde und die LAG regelmäßig Austausch-Formate. Die können ein erster Anhaltspunkt sein. Ohne große Erwartungen kann man seine Fragen stellen, in den Austausch kommen und mit konkreten Ideen zurück ins eigene Unternehmen gehen.

Wenn es dann an das Entwickeln von geeigneten Stellen oder sogar schon deren Besetzung geht, kann man sich an den integrationsservice arbeit kurz isa wenden. isa vermittelt Menschen mit Behinderung auf ausgelagerte Arbeitsplätze direkt in die Unternehmen. isa ist ein Bereich der alsterarbeit gGmbH, Tochtergesellschaft der Evangelischen Stiftung Alsterdorf.

Was sind ausgelagerte Arbeitsplätze und was ist das Budget für Arbeit?

Ausgelagerte Arbeitsplätze sind Werkstatt-Arbeitsplätze, die vor Ort in einem kooperierenden Unternehmen angesiedelt sind. Die Teilnehmenden dieser Arbeitsmaßnahme werden von Job Coaches individuell begleitet und unterstützt. Das bedeutet, dass die Begleitung mit einem Job Coach sowie der Werkstattvertrag weiterhin bei alsterarbeit, dem Werkstatt/Beschäftigungsträger, liegen, doch gearbeitet wird vor Ort.

Einerseits können Unternehmen so die ersten Schritte hin zum inklusiven Arbeiten wagen und andererseits kann auch der Mensch mit Behinderung austesten, ob der allgemeine Arbeitsmarkt der richtige Weg für ihn*sie ist.

Sollte sich herausstellen, dass der ausgelagerte Arbeitsplatz doch nicht die richtige Beschäftigungsart für den Menschen mit Behinderung ist, kann er*sie jederzeit in die Werkstatt zurückkehren oder sich bei einem anderen Unternehmen erproben.

Das Ziel bleibt aber, dass diejenigen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten möchten, dort auch eine feste Anstellung finden. Ausgelagerte Arbeitsplätze stellen dafür den Übergang dar – ein Prozess, in dem Mensch und Unternehmen begleitet und unterstützt werden – durch isa.

Das Budget für Arbeit ist der nächste Schritt in diesem Übergang. Es soll den Wechsel von der Werkstatt in den allgemeinen Arbeitsmarkt erleichtern. Es bietet Sicherheit und Entlastung für beide Seiten: Unternehmen können einen Lohnkostenzuschuss von bis zu 75 % des Arbeitnehmer-Bruttolohns erhalten.

Im Budget für Arbeit beginnt für den Menschen mit Behinderung eigenverantwortliches Arbeiten – mit eigenem Arbeitsvertrag. Beschäftigte werden weiterhin durch einen Job Coach von isa begleitet, der auch bei der Antragstellung unterstützt. Die Option, in auf einen Werkstattarbeitsplatz zurückzukehren, bleibt weiterhin bestehen – auch nach Abschluss eines eigenen Arbeitsvertrags.

Schlagworte:

  1. Arbeit

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