Sexuelle Selbstbestimmung ermöglichen

Man sieht ineinander verschränkte Hände auf einem Bettlaken.

Die eigene Sexualität zu ergründen ist gar nicht so einfach. Noch schwieriger wird es, wenn man eine oder mehrere Beeinträchtigungen hat. Wie soll man beispielsweise die Bedeutung von Sexualität verstehen, wenn man eine kognitive Beeinträchtigung oder Lernschwierigkeiten hat – insbesondere wenn Bildungsangebote oftmals nicht barrierearm gestaltet sind? Oder den eigenen Körper erkunden, wenn man mit den Händen vielleicht nicht alle Stellen selbst erreichen kann?

Hier erklären wir, warum Sexualität eine größere Rolle spielt als man denkt. Und warum sie auch ein wichtiges Thema in der Assistenz von Menschen mit Behinderung ist. Aber bevor wir diesen Fragen nachgehen, gibt es erstmal eine Begriffserklärung.

Was ist Sexualität?

Grundsätzlich gilt: Alle Menschen haben von Geburt an eine Sexualität. Wie sie ihre Sexualität leben ist vielfältig und individuell. Denn die ganz persönliche Sexualität bildet sich aus verschiedenen Aspekten:

  • dem zugeschriebenen biologischen Geschlecht
  • der selbst empfundenen Geschlechtsidentität
  • die Geschlechterrolle
  • die sexuelle Orientierung
  • dem Lustempfinden
  • Erotik
  • Wunsch nach Intimität
  • Fortpflanzung

Diese Bestandteile von Sexualität drücken sich in den eigenen Werten und Einstellungen aus. Sie formen die Gedanken und Fantasien und bestimmen, was wir mögen, was nicht und wie wir unsere Sexualität leben.

Ganz wichtig ist, dass Sexualität nicht gleichbedeutend mit Sex ist. Sex ist nur ein Bestandteil von Sexualität. Auch wenn man keinen Sex hat, hat man eine Sexualität und diese kann sich im Laufe des Lebens ändern.

Bei herzfroh 2.0 und Liebesleben kann man sich weiter zu Sexualität informieren – auch in Leichter Sprache!

Warum spielt Sexualität in der Assistenz eine Rolle?

Weil jeder Mensch eine Sexualität hat, spielt diese auch immer eine Rolle – so auch in der Assistenz. Denn persönliche Werte, Haltungen, Erfahrungen und Grenzen beeinflussen den Umgang miteinander. Und gerade das Miteinander steht im Fokus einer Assistenz-Beziehung.

Die Sexualität der Fachkraft und des*der Klient*in schwingt also immer mit, mal mehr mal weniger. Es gibt aber auch einige Situationen, in denen Sexualität in der Assistenz besonders wichtig wird. Denn Sexualität speist sich aus den Erfahrungen, die gemacht oder eben nicht gemacht werden. Und es gibt einige Barrieren, die das Machen von Erfahrungen einschränken.

Über die gesellschaftlichen Normen und Werte wissen wir normalerweise, welche Handlungen wann angebracht sind. Doch wenn man eine kognitive Beeinträchtigung hat, sind diese gesellschaftlichen Codes schwieriger zu erlernen. Wie soll man einschätzen, was übergriffig ist, wenn das Konzept von übergriffigem Verhalten so viel mehr beinhaltet?

Zum Beispiel kann sich Sexualität in herausforderndem Verhalten äußern. Denn Handlungen, die normalerweise als sexualisiert gelten, wie beispielsweise Grapschen oder das Anfassen der Brust oder des Pos, führen immer zu einer Reaktion bei der Person, die angefasst wird. In so einem Szenario gilt es also herauszufinden, warum das herausfordernde Verhalten über sexuelle Handlungen läuft. Wenn man die Ursache gefunden hat, kann man daran weiterarbeiten – in dem man (einfache) Regeln aufstellt, aufklärt und in den Austausch geht.

Solche Handlungen, die für die Umwelt stark herausfordernd sind, können Ausdruck nicht erfüllter Bedürfnisse und Wünsche sein. Dort kann man ansetzen und herausfinden, was der Wunsch ist, was in der Assistenz-Situation möglich ist und was eben nicht.

Sexualität ist in der Assistenz ein präsentes und mitunter komplexes Thema. Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich diesem Thema zu stellen. Dennoch ist es wichtig, dass Assistenzkräfte ihre eigenen Grenzen kennen und wahren dürfen. Niemand ist verpflichtet, intime Aufgaben zu übernehmen, die mit den eigenen Werten oder dem professionellen Rahmen unvereinbar sind. Hier braucht es eine gute Balance aus Selbstschutz, fachlicher Kompetenz und der Achtung der Rechte der zu assistierenden Person.

Eine reflektierte Haltung der Fachkraft ist entscheidend – zum Beispiel, wie sie mit Fragen, Bedürfnissen oder Situationen umgeht, die mit der Sexualität der unterstützten Person zu tun haben. Wenn eine Assistenzkraft etwa eigene Unsicherheiten oder moralische Bewertungen nicht reflektiert, kann das die sexuelle Selbstbestimmung der betreuten Person unbewusst einschränken. Umgekehrt kann eine professionelle, offene und respektvolle Haltung helfen, ein unterstützendes Umfeld zu schaffen, in dem über Sexualität gesprochen werden darf.

Eine Assistenzkraft sollte in der Lage sein, Barrieren der sexuellen Selbstbestimmung zu erkennen. Wie das gelingen kann, klären wir im nächsten Abschnitt, bevor wir auf mögliche Beratungsangebote eingehen.

Woran kann eine Assistenz-Fachkraft erkennen, ob ein*e Klient*in Bedarf an sexueller Aufklärung hat?

Das sind ein paar Beispiele für Situationen, die einer Assistenz-Fachkraft signalisieren, dass ein*e Klient*in mehr Bedarf an Aufklärung hat.

  • Direkte Fragen zur Sexualität:
    Der*die Klient*in stellt persönliche oder allgemeine Fragen zu Körper, Sexualität, Beziehung, Verhütung oder Geschlechtsverkehr – oft in Momenten, in denen eigentlich andere Themen im Vordergrund stehen.
  • Unsicherer Umgang mit dem eigenen Körper:
    Beobachtbare Unsicherheiten im Umgang mit dem eigenen Körper, z. B. Scham beim Umziehen, Verwirrung über körperliche Veränderungen (z. B. Pubertät, Menstruation) oder übermäßige Selbstberührung in öffentlichen Räumen.
  • Wiederholtes Reden über Sexualität oder bestimmte Themen:
    Wenn der*die Klient*in wiederholt dieselben Themen anspricht – etwa Pornografie, Kinderkriegen, Sex oder Zärtlichkeit – kann das ein Zeichen für Informationsbedarf oder mangelnde Orientierung sein.
  • Unangemessene Annäherungsversuche:
    Der*die Klient*in versucht sich den Assistenzkräften oder anderen Personen körperlich oder verbal sexuell anzunähern – beispielsweise aus Unwissenheit über soziale Regeln oder aus einem unerfüllten Bedürfnis nach Nähe und Beziehung.
  • Missverständnisse über Beziehungen oder Rollen:
    Der*die Klient*in glaubt beispielsweise, eine enge Beziehung zur Assistenzkraft sei romantisch oder sexuell, oder versteht nicht, was Freundschaft, Liebe oder Partnerschaft bedeuten, wie sie sich unterscheiden und nach welchen Regeln sie funktionieren.
  • Fehlendes Wissen über Verhütung oder Schutz:
    Der*die Klient*in äußert Wünsche nach Sexualpraktiken und Partnerschaft, zeigt aber keine Kenntnis über Schutz vor Schwangerschaft oder sexuell übertragbaren Krankheiten.
  • Verhaltensänderungen nach sexuellen Erfahrungen oder Medienkonsum:
    Plötzliche Rückzugstendenzen, auffälliges Verhalten oder das Nachahmen von Inhalten aus Internet, Filmen oder sozialen Medien können auf Überforderung oder Missverständnisse hindeuten.

Was kann die Fachkraft tun, wenn sie Menschen mit Behinderung über Sexualität aufklären möchte?

Das Gespräch suchen

Ein Gespräch über die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu führen erfordert von der Assistenz-Fachkraft eine sensible, respektvolle und professionell reflektierte Haltung. Zentral ist dabei, dem*der Klient*in mit Offenheit und Wertschätzung zu begegnen und nicht direkt zu urteilen. Das beginnt bereits bei der Körpersprache und dem Tonfall: Eine ruhige, zugewandte und nicht wertende Kommunikation schafft Vertrauen und signalisiert, dass das Thema ernst genommen wird. Zeigt die Assistenzperson hingegen Verlegenheit oder Unsicherheit, kann dies beim Gegenüber Scham oder Rückzug auslösen. Die Assistenz sollte aber auch offen sagen, wenn sie sich bei etwas unsicher ist oder etwas nicht weiß.

Wenn ein*e Klient*in Fragen oder Andeutungen zum Thema Sexualität macht, ist es wichtig, diese aktiv aufzugreifen und nicht zu übergehen. Eine einfache Rückfrage wie „Möchtest du mehr darüber wissen?“ kann bereits den Weg für ein offenes Gespräch ebnen. Auch wenn Aussagen naiv wirken oder auch sozial unpassend erscheinen, sollten sie ernst genommen werden – sie deuten meist auf ein echtes Bedürfnis nach Information oder Orientierung hin.

Dabei spielt die sprachliche Gestaltung eine große Rolle: Die Assistenzkraft sollte in klarer, einfacher und gleichzeitig respektvoller Sprache sprechen – ohne zu belehren oder zu verniedlichen. Unterstützend können Materialien wie Bilder, Broschüren oder sexualpädagogische Tools eingesetzt werden, um Inhalte anschaulich und barrierefrei zu vermitteln. Ebenso wichtig ist, dass solche Gespräche in einem geschützten Rahmen stattfinden – ohne Zeitdruck, Störungen oder Publikum – und mit dem Hinweis auf Vertraulichkeit.

Zugleich muss die Assistenzperson ihre eigene Rolle und Grenzen klar kommunizieren. Sie kann beispielsweise erklären: „Ich bin für dich da, um dich zu unterstützen – aber ich bin nicht dein*e Partner*in.“ Dabei kann man sich auch externe Unterstützung dazu holen, etwa durch Sexualpädagog*innen oder spezialisierte Beratungsstellen – sowohl für die Klient*innen als auch die Assistent*innen.

Ein Dialog auf Augenhöhe bedeutet vor allem, gemeinsam ins Gespräch zu kommen, zuzuhören und Fragen ernst zu nehmen. Nicht die schnelle Erklärung oder Belehrung steht im Vordergrund, sondern das gemeinsame Nachdenken und die respektvolle Auseinandersetzung. Wenn eine Assistenzkraft echtes Interesse und Vertrauen vermittelt, entsteht ein Raum, in dem sexuelle Selbstbestimmung ermöglicht werden kann – frei von Scham, Vorurteilen oder Missverständnissen.

Beratung in Anspruch nehmen

Ein Gespräch mit Assistenz ist ein erster Schritt, aber oftmals benötigt es mehr. In Hamburg gibt es verschiedene Beratungsstellen, die bei Fragen zur Sexualität weiterhelfen können.

  • Das Beratungszentrum Alsterdorf berät Menschen mit Behinderung, ihre Assistent*innen, ihre Angehörigen und gesetzlichen Betreuer*innen bei allen Fragen rund um Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft, Elternschaft, Einsamkeit, Liebe und Beziehung. Wer sich für das Angebot vom Beratungszentrum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf interessiert, kann eine Anfrage per Kontaktformular oder Mail senden.
  • Das Familienplanungszentrum bietet medizinische Hilfe und Beratung zu Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft – offen für alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Behinderung. Ergänzt wird das Angebot durch Fortbildungen und sexualpädagogische Veranstaltungen. Termine sind telefonisch vereinbar, viele Beratungen auch am Telefon möglich.
  • Auch pro familia bietet Beratungen zu Sexualität, Partnerschaft und Familien-Planung an – auch in Leichter Sprache und in deutscher Gebärdensprache.
  • Die AidsHilfe legt in ihrer Beratung einen stärkeren Schwerpunkt auf queere Liebe und Sexualität.
  • Bei sexualisierter Gewalt sind Wendepunkt der richtige Ansprechpartner. Sie helfen insbesondere bei der Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen.
  • Auch Allerleirauh ist auf sexualisierte Gewalt spezialisiert. Sie richten ihre Angebote an Mädchen, Frauen und genderqueere Personen im Alter zwischen 13 und 27 Jahren.

Angebote zum Kennenlernen wahrnehmen

Auf den ersten Blick denkt man das gar nicht, aber das Kennenlernen von neuen Leuten gehört auch zum Thema Sexualität. Denn viele Menschen erleben Einsamkeit. Sie wünschen sich mehr Kontakt zu anderen – im Idealfall durch eine Partnerschaft – aber auch Freunde finden kann schwierig sein.

Für mehr Anschluss kann man zum Offenen-Treff der Schatzkiste gehen. In der Kulturküche in Alsterdorf treffen sich immer dienstags von 16.00 bis 18.00 Uhr Menschen mit Behinderung.

Die Schatzkiste bietet aber auch viel mehr: Sie ist eine Partnerschaftsvermittlung für Menschen mit Behinderung. Wer eine*n Partner*in sucht, kann sich hier in eine Kartei aufnehmen lassen und auf ein passendes Match hoffen.

Alsterdorf ist nicht gerade um die Ecke? In den Treffpunkten, die überall in Hamburg verteilt sind, gibt es immer Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen. Innerhalb der Evangelischen Stiftung Alsterdorf gibt es viele nachbarschaftliche Angebote in den Quartieren.

Inklusive Tanz-Partys in Hamburg besuchen

Beratungsgespräche sind ja schön und gut, aber die richtigen Geschichten passieren auf der Tanzfläche. Unvergessliche Erinnerungen kann man auf diesen inklusiven Partys schaffen:

Eine Weiterbildung zu Sexueller Selbstbestimmung machen

Wer sich noch mehr in das Thema Sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung hineinarbeiten möchte, kann sich dazu weiterbilden.

Das Beratungszentrum Alsterdorf bietet regelmäßig folgende Seminare an:

  • Grundlagenseminar „Sexualität und sexuelle Selbstbestimmung bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung“
  • Aufbauseminar „Praxis-Seminar sexuelle Selbstbestimmung bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung inkl. Workshop zu inklusiven Sextoys“
  • "Wie geht das denn? Sexualfreundliches Klima in Assistenz- und Pflegesettings"

Schlagworte:

  1. Assistenz

Veröffentlichungsdatum:

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