„Arbeit gibt Identität, Sinn und Wirksamkeit“

Gemeinsames Bild der Geschäftsführung von alsterarbeit: links Jannik Hornig, rechts Anna Wolter

Sonderwelt, Ausbeutung, kein Mindestlohn – eine öffentliche Meinung über „Werkstätten für behinderte Menschen“ (WfbM) sieht das System kritisch. Manche fordern sogar die Abschaffung. Wie alsterarbeit zu dieser Kritik steht, was es für einen inklusiven Arbeitsmarkt braucht und an welchen Stellen im System Reformen notwendig sind, das erläutern Anna Wolter und Jannik Hornig im Interview.

Zusammen bilden sie als Doppelspitze die Geschäftsführung von alsterarbeit. alsterarbeit ist ein Beschäftigungsträger im Verbund der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Das Unternehmen bietet Menschen mit Behinderung / psychischen Erkrankungen Arbeit, Qualifizierung sowie Übergänge auf den und Begleitung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

1.400 Menschen sind bei alsterarbeit in sechs gesetzlich geregelten Maßnahmen im Rahmen der Teilhabe am Arbeitsleben beschäftigt. Die möglichen Maßnahmen unter dem Dach von alsterarbeit sind:  Eingangsverfahren (EV), Berufsbildungsbereich (BBB) und Arbeitsbereich (AB), Tagesförderung (Tafö), Teilhabe am arbeitsweltlichen Kontext (TaK) und „JobMe“.

Dabei geht alsterarbeit oftmals neue Wege. Zum Beispiel ist das Angebot „JobMe“ in Kooperation mit dem Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf speziell für Menschen mit Epilepsie entwickelt worden. Besonders herausragend ist auch der stetig wachsende Kunst- und Kulturbereich mit dem atelier lichtzeichen und den Angeboten der barner 16 (Schlumper Maler, dem Theaterensemble Meine Damen und Herren oder verschiedenen Bandprojekten). Darüber hinaus berät alsterarbeit Unternehmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und Jobcoaches begleiten Menschen im Rahmen des Budgets für Arbeit / Ausbildung.

Wenn das Wort „Arbeit“ schon im Namen des Unternehmens steckt, muss es eine große Bedeutung haben. Was bedeutet Arbeit für Sie und warum ist Arbeit eine wichtige Säule von Teilhabe?

Anna Wolter: Arbeit ist für viele Menschen ein zentraler Anker im Leben. Sie stiftet Sinn, gibt Struktur, schafft soziale Kontakte und ermöglicht, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Bei alsterarbeit kommen sehr unterschiedliche Menschen zusammen: junge Leute, die direkt von der Schule in ihre berufliche Laufbahn starten, oder Menschen, die nach einer psychischen Erkrankung ihren bisherigen Job gerade nicht mehr oder noch nicht wieder ausüben können.

Für alle spielt Arbeit eine große Rolle für Stabilität und Selbstwert. Sie strukturiert den Tag und gibt eine Aufgabe. Durch sie ist man im Austausch und fühlt sich zugehörig. Über Berufliche Teilhabe werden damit immer auch viele soziale Aspekte berührt. Das macht Arbeit zu einer wichtigen Säule von Teilhabe.

Wie eng Arbeit und Selbstwert zusammenhängen, erfahre ich jeden Tag auch persönlich. Arbeit gibt Identität, Sinn und Wirksamkeit. Die entscheidende Frage für mich ist: Wo kann ich mit meinen Stärken am besten wirksam sein?

Jannik Hornig: Ich kann da gut anschließen. Mich treibt an, gemeinsam mit anderen etwas zu bewegen und wirklich Veränderungen zu schaffen. Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens bei der Arbeit, meist mehr Zeit als mit unseren Familien. Ich kann daher nicht einfach sagen: „Ich geh da hin, mach mein Ding und das war’s.“

Ich brauche eine hohe Identifikation mit dem, was ich tue. Unser Anspruch ist, an die Basis zu gehen: Wir wollen gute Rahmenbedingungen und Strukturen schaffen – für Beschäftigte, Mitarbeitende und Unternehmen. Mich motiviert, im Team etwas zu gestalten und gemeinsam wirksam zu sein.

alsterarbeit setzt sich für einen inklusiven Arbeitsmarkt ein. Was bedeutet das in der Praxis?

Jannik Hornig: Ein inklusiver Arbeitsmarkt bedeutet für uns, dass Menschen gemeinsam arbeiten – in Strukturen, die zu ihnen passen und echte Entwicklung ermöglichen. Das bedeutet für uns, dass wir Angebote schaffen und bereitstellen, mit einem niedrigschwelligen Einstieg, beruflicher Weiterbildung und den Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglichen.

alsterarbeit versteht sich bewusst als Beschäftigungsträger für „Berufliche Teilhabe“. Ziel ist es, Menschen entlang ihres individuellen Weges zu begleiten, nicht entlang starrer Maßnahmengrenzen.

Was bedeutet das genau, „Beschäftigungsträger für Berufliche Teilhabe“?

Anna Wolter: „Beschäftigungsträger für Berufliche Teilhabe“ heißt bei uns: In unseren Arbeitsgruppen arbeiten Menschen aus unterschiedlichen Maßnahmenformen wie Tagesförderung Berufsbildungsbereich oder Arbeitsbereich zusammen. Sie qualifizieren oder erproben sich gemeinsam unter einem Dach. Im Vordergrund steht nicht die Maßnahme, sondern der Mensch mit seinen Stärken und seinen beruflichen Interessen.

Wir haben außerdem Übergangs- und berufliche Orientierungsgruppen, in denen Menschen niedrigschwellig verschiedene Gewerke und Dienstleistungsangebote kennenlernen können. So entsteht Durchlässigkeit in alle Richtungen. Dieses Bild – nach der Förderschule ohne andere Perspektiven und Angebote in die Werkstatt und erst mit der Rente wieder raus – gilt für uns schon lange nicht mehr.

Ziel ist es, berufliche Teilhabe möglichst durchlässig zu gestalten. Menschen sollen unterschiedliche Bereiche kennenlernen, sich weiterentwickeln und ihren eigenen beruflichen Weg gestalten können – unabhängig davon, in welcher Maßnahmenform sie aktuell arbeiten.

Also ist die „Werkstatt“ ein Baustein von alsterarbeit?

Jannik Hornig: Genau! Sie ist eine der sechs Maßnahmen für Berufliche Teilhabe. Bei uns steht die Person mit ihren Interessen, Fähigkeiten und Potenzialen im Fokus und welche Gewerke und beruflichen Perspektiven für sie infrage kommen.

Entscheidende Fragen sind: „Was möchte ich lernen? Wo möchte ich mich weiterentwickeln? Was gibt es alles für Möglichkeiten? Und wo möchte ich hin, wenn ich das schon sagen kann?“.

Mit diesen Fragen beginnt ein Weg „mit“ alsterarbeit im Rahmen unserer Erstberatung. Viele Menschen starten den Weg aus unterschiedlichen Lebenssituationen, direkt von der Schule oder sie befinden sich auch häufig in schwierigen Lebenssituationen, können zum Beispiel ihren bisherigen Job nicht mehr ausüben und stehen plötzlich vor einer komplexen Landschaft aus Anträgen, Grundsicherung, Inklusion, Arbeit und Bildung. Unser Erstberatungsteam hilft dabei, das zu sortieren: Was ist mir wichtig? Nähe zum Wohnort? Ein bestimmtes Gewerk? Teamarbeit? Und dann mit der Erstberatung Perspektiven entwickeln und nächste Schritte planen.

Was tun Sie konkret, damit mehr Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten können?

Anna Wolter: Unser Grundverständnis ist: Für jede Person, für die es möglich ist und die es möchte, ist der Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ein zentrales Ziel. Wir besetzen Plätze nicht, um Zahlen zu erreichen, sondern begleiten Menschen auf ihrem beruflichen Weg.

Berufliche Bildung ist dabei ein wichtiger Fokus unserer Arbeit. Dafür nutzen wir beispielsweise unser inklusives QualifizierungsSystem – kurz iQuaS. Das ist unser eigenes System, in dem wir Ausbildungsrahmenpläne in über 10.000 Bildungsbausteine übersetzt haben und mittlerweile auch über eine digitale Lernplattform abbilden können.

Das bedeutet, dass eine Ausbildung für ein bestimmtes Berufsbild in sehr viele Bausteine unterteilt ist, kleinteiliger als in den jeweiligen Ausbildungsrahmenplänen. So können wir sicherstellen, dass die Beschäftigten ihre Bildung in Anlehnung einer anerkannten Ausbildung erhalten. Die Beschäftigten haben die Möglichkeit, sich in ihrem Tempo stetig fortzubilden. Wenn jemand später auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechselt, kann die Person ihren Wissensstand und ihr Können belegen. Die Gewerke und Tätigkeiten bei alsterarbeit sind somit anschlussfähig.

Jannik Hornig: Inklusion entsteht vor allem dort, wo Begegnung stattfindet. Deshalb spielen Erprobungen oder gemeinsame Projekte und Veranstaltungen mit Unternehmen eine wichtige Rolle, auch Begegnungen von Mitarbeiter*innen der Unternehmen. Menschen sollen den allgemeinen Arbeitsmarkt erleben, Berufe kennenlernen und eigene Erfahrungen sammeln können – unabhängig davon, ob ein direkter Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bereits realistisch ist.

Unsere Teams vom integrationsservice arbeit, kurz isa, bilden die Schnittstellen zu unseren internen Angeboten, externen Kooperationen, Partner*innen und Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Die Kolleg*innen sind intern und extern eng vernetzt. Das Akquise-Team berät Beschäftigte und Unternehmen und akquiriert Arbeitsplätze.

Die Jobcoaches begleiten Menschen auf ausgelagerten Arbeitsplätzen oder im Budget für Arbeit beziehungsweise Budget für Ausbildung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Sie sind Ansprechpersonen für Beschäftigte und Unternehmen, unterstützen beim Onboarding, bei Qualifizierungen vor Ort und bei administrativen Fragen.

Wir beraten und schulen Unternehmen, klären auf und unterstützen beim Aufbau inklusiver Strukturen.

Kritiker*innen sagen, dass Werkstatt-Träger eine Sonderwelt aufrechterhalten würden und Menschen mit Behinderung als günstige Arbeitskräfte beschäftigen?

Jannik Hornig: Diese Kritik ist uns natürlich bekannt. Sie wird häufig sehr pauschal und undifferenziert vorgebracht. Oft kommen solche Thesen aus einer Außenperspektive, ohne den Alltag der Menschen in Werkstätten wirklich zu kennen und vor allem auch ohne mit den Menschen direkt zu sprechen.

Wir halten die Angebote aktuell weiterhin für sehr bedeutend. Gleichzeitig sehen wir natürlich auch bei uns eine hohe Verantwortung an einem inklusiven Arbeitsmarkt mitzuwirken, für die Beschäftigten wirksame und passende Bildungs- und Qualifizierungsangebote vorzuhalten, mit der Zeit zu gehen und Angebote und Strukturen immer wieder zu prüfen und gegebenenfalls zu verändern.

Dafür müssen die Tätigkeiten und Rahmenbedingungen auch zu den Angeboten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt anschlussfähig sein. Wir arbeiten fortlaufend daran, unsere Angebote für Berufliche Teilhabe an den sich immer weiterentwickelnden und zunehmend digitalisierten Arbeitsmarkt anzupassen.

Anna Wolter: Dann gibt es immer wieder Kritik der „Bezahlung“ in Werkstätten, wie die Forderung von Mindestlohn. Wir unterstützen klar Reformen, die die finanzielle Situation der Beschäftigten verbessern, aber die Mindestlohnforderung greift in dem Fall zu kurz.

Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Entgelt, Grundsicherung, Wohnen, Assistenzleistungen und sozialer Absicherung. Es geht also nicht nur um einen Lohnsatz, sondern um das Zusammenspiel aus mehreren Töpfen und Leistungen.

Gleichzeitig soll sich Arbeit spürbar lohnen. Wer sich beruflich weiterentwickelt und sich stark engagiert, sollte das auch finanziell spüren. Das ist im aktuellen System schwierig. Pauschalen, Grenzwerte und Beträge schließen sich teilweise gegenseitig aus. Es muss einfacher werden und so, dass am Ende mehr auf dem Konto der Beschäftigten landet.

Veränderungen können nicht die Werkstätten entscheiden, es bedarf gesetzlicher Veränderungen durch die Politik. Werkstatt-Träger fordern schon lange eine Reform und es wurden Alternativen erarbeitet. Ein konkreter Reform-Entwurf, der erste Schritte bedeuten würde, liegt beim Bund.

Für viele Beschäftigte ist die Werkstatt zudem nach wie vor auch ein Ort der Sicherheit und Neuausrichtung, ein Ort, an dem niedrigschwellige Angebote und Bildung ermöglicht werden – gerade für Menschen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt massive Belastungen erlebt oder einen hohen Assistenzbedarf haben. Wenn Werkstätten einfach ohne tragfähige Alternativen abgeschafft würden, wären vielen Menschen diese Möglichkeiten genommen.

Unsere Aufgabe ist, weiterzuentwickeln und nicht, alles so zu lassen, wie es ist. Wir arbeiten daran, Tätigkeiten sinnhaft zu gestalten, Qualifizierung zu stärken, Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen und Lohn- und Rentenfragen zu verbessern.

Wir laden Kritiker*innen, aber auch andere Interessierte, ausdrücklich ein, mit uns und unseren Kolleg*innen und Beschäftigten in den Austausch zu gehen.

Sie sprechen sich also für eine Reform des Systems aus. An welche Punkte denken Sie da?

Jannik Hornig: Das Thema Reform ist seit einigen Jahren beim Bund platziert. Es wurde eine Entgeltstudie durchgeführt, Empfehlungen ausgesprochen und Vorschläge erarbeitet. Wir unterstützen ausdrücklich die Verbesserung der Entlohnung. Diese sind auch schon in den Vorschlägen für eine Reform beim Bundesministerium für Arbeit beschrieben.

Aus unserer Sicht sind aktuell und im ersten Schritt zwei Punkte besonders wichtig. Zum einen sollte das Werkstattentgelt nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden. Menschen sollten spürbar mehr zur Verfügung haben, wenn sie arbeiten.

Zum anderen sollte die Höherversicherung bei den Rentenansprüchen, die Werkstattbeschäftigte aktuell erhalten, auch bei einem Wechsel in das Budget für Arbeit / auf den allgemeinen Arbeitsmarkt erhalten bleiben. Das ist bisher nicht gegeben und bedeutet für Beschäftigte eine Hürde, auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu wechseln.  Reformen sollten nicht Zielen folgen wie „Wir machen Werkstatt schlechter, damit mehr Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt erreicht werden.“, sondern „Wir schaffen gesetzliche Rahmenbedingungen die Menschen eine echte Wahlmöglichkeit für ihren beruflichen Weg ermöglichen.“

Dafür setzen wir uns gemeinsam mit anderen Werkstattträgern bundesweit ein.

Was wünschen Sie sich von Unternehmen? Was können sie zu einem inklusiven Arbeitsmarkt beitragen?

Anna Wolter: Wir wünschen uns, dass Unternehmen ihre gesetzliche und gesellschaftliche Verantwortung für inklusive Arbeitsplätze ernst nehmen und sehr gerne auch auf uns zukommen, um sich beraten zu lassen und gemeinsame Wege zu finden. Wir merken, dass sich bereits viel bewegt. Uns geht es auch darum, die Haltung zu verändern – „Diversity & Inclusion“ nicht nur auf die Homepage zu schreiben, sondern in der Praxis zu leben – in den Teams, in der Führung, in der Personalentwicklung.

Jannik Hornig: Gleichzeitig geht es nicht darum, Unternehmen unter Druck zu setzen, sondern Inklusion gemeinsam zu entwickeln. Viele Unternehmen stehen selbst unter hohem Druck, zum Beispiel durch Fach- und Arbeitskräftemangel. Umso wichtiger sind Beratung, Begleitung und gegenseitiges Verständnis. Ziel ist es, gemeinsam tragfähige Lösungen und inklusive Unternehmenskulturen zu entwickeln.

 weiterlesen: Menschen mit Behinderung anstellen

Schlagworte:

  1. Arbeit

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