Interview: Sportlotse fördert „Bewegtes Leben“

Johannes Fürst

Seit dem 1. April 2022 ist Johannes Fürst in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf (ESA) als Sportlotse tätig. Er ist dort kein neues Gesicht, denn Fürst hat bereits während seines Studiums zum Sozialarbeiter im Bereich Sport und Inklusion der ESA gearbeitet. Im Rahmen seiner neuen Tätigkeit hat er, unterstützt durch die Beisheim Stiftung, ein neues Sportprogramm speziell für Menschen mit und ohne Behinderung ab 60 Jahren entwickelt: „Bewegtes Leben“. Im Interview gibt Johannes Fürst Einblicke in das inklusive Sportprogramm, seine Arbeit als Sportlotse und wie er zur ESA kam.

Was ist das für ein neues Sportprogramm, das Sie als Sportlotse entwickelt haben?
Der Titel „Bewegtes Leben“ ist hier biografisch gedacht. Wir möchten damit aber auch sagen, dass Bewegung zu einem gesunden Leben dazugehört. Das inklusive Sportprogramm ist auf ältere Menschen ausgerichtet, die schon auf ein längeres Leben zurückblicken können. Mit diesem Angebot möchten wir Menschen abholen, die sich im Alter mehr bewegen möchten, weil sie gesund werden oder bleiben wollen. Wir haben den Schwerpunkt auf diese Gruppe gelegt, weil knapp die Hälfte aller schwerbehinderten Menschen in Deutschland zwischen 55 und 74 Jahren sind, laut einer Erhebung des statistischen Bundesamtes in 2022. Die Zahl ist so hoch, weil oftmals Behinderungen erst im Laufe des Lebens erworben werden. Mit dem neuen Sportprogramm können wir unsere bestehenden Angebote im Inklusionssport gut ergänzen – denn Sportangebote gezielt für ältere Menschen gibt es insgesamt noch deutlich zu wenig.

Wo liegen die Schwierigkeiten für ältere Menschen, an Sportangeboten teilzunehmen?
Meistens liegt es an der Mobilität. Die Nähe zum Wohnort spielt eine wichtige Rolle und es gibt kaum Angebote. Oder das Leistungsniveau der Angebote wird als zu schwierig eingeschätzt und man traut sie sich nicht zu. Da werden wir von Sport und Inklusion natürlich hellhörig und möchten etwas Passendes aufbauen oder daran arbeiten, das bestehende Angebot inklusiv zu öffnen für eine breitere Zielgruppe.

Das Projekt „Bewegtes Leben“ ist aber nicht nur ein Sportprogramm. Was machen Sie über den Sportkurs hinaus?
In dem Projekt konzentrieren wir uns auf den Bezirk Hamburg-Nord mit insgesamt 13 Stadtteilen. Das spezielle Sportprogramm gibt es an drei Standorten: in Dulsberg, Fuhlsbüttel und natürlich in Alsterdorf. Darüber hinaus arbeite ich auch mit Vereinen und Initiativen aus anderen Stadtteilen zusammen und begleite sie dabei ihr Angebot inklusiv zu öffnen. Dabei stimmen wir uns eng mit unseren ESA-Kolleg*innen von Q8 Sozialraumorientierung sowie mit unseren Assistenzgesellschaften alsterdorf assistenz west und alsterdorf assistenz ost ab. Außerdem ist der Hamburger Sportbund ein wichtiger Partner, der auch in der Sportentwicklung sehr aktiv ist und mir immer kompetente Ansprechpartner*innen liefert. Wir gucken uns die Stadtteile genau an und schauen, was es schon gibt und von was noch gar nichts oder wovon zu wenig vorhanden ist. Dort setzen wir mit unserer Inklusionsarbeit an.

Wie wird ein Sportprogramm inklusiv? Was für Fragen stellt man sich, bevor man ein Sportprogramm neu aufbaut oder es inklusiv öffnet?
Oft setzen wir in Einrichtungen an, die schon den Alltag von Menschen mit Behinderung kennen, wie zum Beispiel Wohnhäuser mit Assistenzdienstleistungen. Dort arbeiten wir eng mit den Fachkräften zusammen und profitieren auch von ihren Erfahrungen. Die wissen nämlich, was sich für wen eignet und was möglich ist. Was sich daraus entwickelt, kann ganz unterschiedlich aussehen, gerade weil Behinderungen auch sehr unterschiedlich und vielfältig sind.

Wenn wir es schaffen ein neues Sportprogramm zu etablieren, ist es meistens für eine sehr heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Leistungsniveaus. Manche Menschen machen schon viel Sport und sind recht fit, andere möchten nach langer Krankheitsphase wieder in die Bewegung reinkommen und den Einstieg finden. Deshalb muss man verschiedene Leistungsniveaus mitbedenken und flexibel bleiben. Auch die pädagogische Komponente darf man nicht vergessen, denn Sport kann gerade verbunden mit Krankheit ein sehr sensibles Thema sein, nämlich aufgrund der Sorge der Teilnehmer*innen vor Überlastung, Schmerzen oder Stürzen. Das sollte in der Gestaltung eines solchen Sportangebots immer berücksichtigt werden, um ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Daran angeschlossen ist auch erste Hilfe sehr wichtig. Als Trainer*in muss man immer in der Lage sein, schnell einzugreifen und unterstützen zu können.

Wie sieht beispielsweise eine Sportstunde im inklusiven Seniorensportprogramm in Alsterdorf aus?
Zuerst gibt es einen Aufwärmteil. Hier wird der Körper darauf vorbereitet, dass er später mal etwas schneller reagieren muss und die Gelenke etwas herausgefordert werden. Dafür machen wir Dehn- und Gymnastikübungen. Da kann ich auch Elemente aus dem Reha-Sport mit reinnehmen, zum Beispiel, indem wir mit dem Terraband oder einer Flexi Bar, einem schwingenden Stab, arbeiten. Ziel ist, dass die Muskeln und die Koordination gestärkt werden, damit die Verletzungsgefahr sinkt. Danach machen wir Bewegungsspiele wie Boccia oder Leitergolf, einem Wurf- und Geschicklichkeitsspiel. In einer Stunde haben wir auch mal Rollstuhlhandball gespielt. Dafür suche ich meistens was raus, was einen lockeren Wettbewerb ermöglicht, aber auch die Gruppendynamik stärkt. Am Ende kommen nochmal ruhigere Übungen oder auch Atemübungen zum Ausklang.

Wie schaffen Sie es in den Übungen dann auf den Einzelnen einzugehen, wenn jemand mal nicht mitkommt?
Ich versuche beispielsweise Aufwärmübungen zu nehmen, die sowohl im Stehen als auch im Sitzen durchgeführt werden können. Dann kann jede*r für sich entscheiden wozu er oder sie sich an dem Tag in der Lage fühlt. Und der Körper wird trotzdem soweit für den Sport vorbereitet, wie es eben geht.

Manchmal erlebe ich es auch, dass die Kursteilnehmer*innen so eine kleine Schrecksekunde haben, wenn sie mal das Gleichgewicht verlieren. Dann ist es wichtig auf denjenigen kurz einzugehen und zu beruhigen. Ihm die Zeit geben, die er braucht und sagen: „Steig ein, wenn du wieder möchtest.“

Wie kamen Sie denn zum Bereich Sport und Inklusion in der ESA?
Ich kannte die Kolleg*innen von Sport und Inklusion tatsächlich schon, bevor ich hier angefangen habe. Im Sommer 2018 habe ich in einem Projekt mit Kindern und Jugendlichen Antiaggressions- und Coolnesstrainings durchgeführt. Das sollte dann auch mit Klient*innen der alsterdorf assistenz west für Erwachsene umgesetzt werden. In dem Zuge habe ich auch an einer Fortbildung für orthopädischen Reha-Sport teilgenommen und dort meine jetzigen Kolleg*innen aus dem Bereich Sport und Inklusion kennengelernt.

Das fand ich richtig gut, dass ich so über den Reha-Sport auch den Inklusionssport mal kennenlernen konnte. Und das hat mir so gut gefallen, dass ich dann später in dem Bereich angefragt habe, ob ich begleitend zu meinem Studium der Sozialen Arbeit bei Sport und Inklusion arbeiten kann. Im April 2019 bin ich dann als Werkstudent in der ESA eingestiegen. Ich finde das Arbeiten hier sehr familiär und habe das Gefühl, dass ich mich richtig weiterentwickeln kann. Gerade als Sportlotse komme ich hier mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammen. Dieses interdisziplinäre Arbeiten ist auch fachlich sehr bereichernd.

Wie kam es dann dazu, dass Sie Sportlotse geworden sind?
Das Konzept Sportlotse gab es in der ESA ja schon vorher. Meine Kollegin Linda Bull war die erste Sportlotsin und hat schon in ganz Hamburg inklusive Sportangebote aufgebaut. Dafür hat sie sogar den Active City Award gewonnen. Durch ihre Arbeit hat sich gezeigt, dass das Ganze sehr erfolgreich sein kann, wenn man direkt in die Stadtteile geht und gemeinsam an einem Strang zieht. Mit der Finanzierung der Beisheim Stiftung hatten wir dann die Möglichkeit, eine zweite Sportlotsenstelle zu schaffen. Das hat auch einfach sehr gut gepasst, weil wir unser Angebot auf ältere Menschen ausweiten wollten und die Beisheim Stiftung da schon viel Wissen hat und teilt. Für mich im Alltag bedeutet das, dass ich jetzt neue Angebote entwickle, die für die Teilnehmer*innen in der Aufbauphase kostenfrei sind. Es können aber auch Interessierte an bestehende Sportangebote vermittelt werden, sodass neue Strukturen entstehen und bestehende gefestigt werden.

Dass ich als Sportlotse eine Mischung aus Sozialarbeiter und Trainer sein kann, hat mich besonders interessiert, weil ich so Hobby und Beruf miteinander verbinden kann. Meiner Meinung nach könnten viele sozialpädagogische Fachkräfte von mehr Sport in ihrer Praxis profitieren und auch Trainer*innen bräuchten noch mehr pädagogisches Rüstzeug. Also bin ich als Sportlotse eigentlich genau da, wo ich wirken möchte.

„Sportlotse – Bewegtes Leben“ – Angebote:

  • Nachbarschaftstreff Dulsberg, Elsässer Straße 15, 22049 Hamburg, dienstags 14–15 Uhr
  • AAWest Tagewerk Fuhlsbüttel, Ratsmühlendamm 9, 22335 Hamburg, dienstags 16:30–17:30 Uhr
  • Barakiel Halle, Elisabeth-Flügge-Straße 8, 22335 Hamburg, mittwochs 16–17 Uhr

Weiteres zum Bereich Sport und Inklusion finden Sie auf der Website

Schlagworte:

  1. Sport

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